Die Mehrheit will mehr Miteinander

Diskussionen über den Unterschied zwischen „Muslimen“ und „Nicht-Muslimen“ bringen uns nicht weiter, sondern fördern letztlich die Spaltung unserer Gesellschaft. Darum sollten wir uns besser auf die einzige Trennlinie konzentrieren, die für eine zivilisierte Gesellschaft wichtig ist: den Unterschied zwischen friedlichen Menschen und fanatischen Idioten. Ein Vorschlag zum „Reframing“ der Diskussion über den Islam.

Ich muss zugeben: Es nervt mich schon ein wenig. Immer öfter, wenn ich in ein anderes Land fahre und dort politisch denkenden Menschen begegne, muss ich mich für Heinz-Christian Strache rechtfertigen. Muss die Frage beantworten, warum „wir Österreicher“ einem populistischen Politiker verfallen sind, der in seiner Jugend mit führenden Neonazis bei Wehrsportübungen war und dessen Partei ein Sammelbecken rechtsextremer „Einzelfälle“ ist.

In solchen Situationen weise ich darauf hin, dass „wir Österreicher“ mehrheitlich anders denken. Selbst wenn sich ein Drittel der WählerInnen hinter die FPÖ stellen mag, zwei Drittel hat sie dann eben nicht hinter sich. Und sogar für dieses blaue Drittel gibt es – von der Wirtschaftskrise bis zum Koalitions-Hickhack – auch noch andere Ursachen als Rechtsextremismus und Ausländerhass, die den Aufstieg von Heinz-Christian Strache begünstigen.

Differenzierung statt Klischees …

Ich plädiere also im Ausland für ein differenzierteres Bild von Österreich und wehre mich dagegen, in einen Topf voller Klischees geworfen zu werden. Denn wenn ich mich hier so umschaue, auf der Straße, in der U-Bahn, im Wirtshaus, dann habe ich schließlich nicht den Eindruck, dass „wir Österreicher“ ein Haufen rechtsradikaler Fanatiker sind, die nur auf ein Signal ihres neuen Führers warten, um die Hakenkreuzfahnen aus den Kellern zu holen.

Das heißt noch lange nicht, dass ich alle meine Mitmenschen toll finde. So wie überall auf der Welt gibt es auch bei uns freundliche und griesgrämige Zeitgenossen, ein paar Schlaue und ein paar Deppen, einige, die offensichtlich auf Stunk aus sind, aber noch viel mehr, die ihre Ruhe haben wollen. Es gibt solche, die durstige Flüchtlinge am Bahnhof mit Getränken empfangen und andere, die gehässige Facebook-Meldungen brauchen, um ihren Frust irgendwo abladen zu können. Darum wäre es einfach falsch, alle diese Menschen mit einem einzigen Etikett zu versehen – insbesondere, wenn auf diesem Etikett eine so pauschale Verurteilung wie „Fanatiker“ steht. Wohl niemand von uns, auch keine Mehrheit der FPÖ-WählerInnen, würde das richtig finden – weil Klischees und Stereotype eben weite Teile der Wirklichkeit unsichtbar machen.

… muss es auch für Muslime geben

Noch viel schlimmer als die FPÖ mit ganz Österreich zu verwechseln ist allerdings die Gleichsetzung des Islam mit gewaltbereitem Fanatismus. Diese Verknüpfung wird immer häufiger vorgenommen, gerade auch hierzulande – und mit weitaus gravierenderen Folgen für unser Zusammenleben.

Unser Bild des Islam wird von Klischees dominiert, die mit der Mehrheit der Muslime – in Österreich wie auch im Rest der Welt – kaum etwas zu tun haben. In den Köpfen (und in den Medien) haben sich Motive festgesetzt, die wir alle auf Knopfdruck abrufen können: Frauen in Burkas, Gläubige beim Gebet in der Moschee, IS-Kämpfer mit schwarzen Fahnen und Gewehren, bärtige Männer beim Lesen des Koran, wütende Palästinenser, dazwischen mal ein Kebap-Stand und zum Abschluss noch ein Schwenk auf die Spitze eines Minaretts – fertig ist der Bilderteppich, der unzählige Beiträge zum Thema Islam untermalt. Dieses Bildergemisch ist gefährlich, denn es verknüpft den Islam mit Bildern der Gewalt, des Hasses, der Unterdrückung.

Es ist erstaunlich, wie ausgeprägt der damit verbundene Orientalismus in unserer Gesellschaft ist. Die Kernbotschaft dahinter lautet, dass „Muslime anders sind“. Und hinter diesem „anders“ verstecken sich häufig Zuschreibungen wie rückständig, ungebildet, bedrohlich, despotisch oder fanatisch. Im Gegensatz dazu sind „wir Österreicher“ hingegen natürlich alle total modern, kultiviert, friedliebend, demokratisch und maßvoll. Alles Klischees, die von der FPÖ (aber leider nicht nur von ihr) mit dem größten Vergnügen ausgeschlachtet werden.

Die rechte Homogenisierungsmaschine

Dieser Diskussionsrahmen ist deshalb so gefährlich, weil er der Islamophobie den Boden bereitet. Ein zentrales Problem dabei ist, dass „Menschen islamischen Glaubens homogenisiert werden. Das heißt, man differenziert gar nicht zwischen den gewalttätigen […] Salafisten und den Menschen, die einfach nur in die Moschee gehen und beten“, wie Wilhelm Heitmeyer, Professor am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, in einem Interview erläuterte. Selbst Menschen, die FPÖ-Slogans wie „Daham statt Islam“ ablehnen, sind angesichts islamistischer Terroranschläge nicht davor gefeit, in diese Falle zu tappen – wie ich in persönlichen Gesprächen bereits erleben musste.

Die extreme politische Rechte in Europa arbeitet derzeit mit der simplen Formel „Islam = Fanatismus = Bedrohung“ sehr konsequent an einer negativen „Homogenisierung“ aller Muslime. Ein typisches Beispiel dafür ist die deutsche PEGIDA, die auf den ersten Blick bloß „gegen religiösen Fanatismus“ auftritt, aber bei genauerer Betrachtung natürlich darauf abzielt, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Auch Heinz-Christian Strache bedient sich dieser doppelbödigen Methode, wenn er mit Sätzen wie „Nicht jeder Moslem ist Terrorist, aber jeder Terrorist ist Moslem!“ die Begriffe „Moslem“ und „Terrorist“ in einem Satz gleich doppelt miteinander verbindet – um in weitere Folge Maßnahmen zu fordern, die sich gegen die Zuwanderung und Integration von Muslimen (und nicht gegen Terroristen) richten.

Wie den Etikettierungen entkommen?

Tatsache ist: Klischees und Zuschreibungen sind hartnäckig und wirken subtil. Die immer intensivere Verknüpfung des Islams mit einer von Fanatikern ausgehenden Bedrohung hat einen stärkeren Einfluss auf unsere Wahrnehmung, als uns bewusst ist – und kann damit unsere Einschätzungen, Entscheidungen und Handlungen beeinflussen. Darum ist es ein Gebot der Stunde, dieser Gleichsetzung entgegenzuwirken. Schließlich sind Muslime in ihrer Gesamtheit nicht grundsätzlich „anders“ als Nicht-Muslime: Sie sind keine homogene Gruppe. Sie sind nicht alle so streng religiös, wie es die Bilder in unseren Köpfen suggerieren. Und die Mehrheit will letztlich friedlich miteinander leben – so wie alle Menschen.

Es ist aber gar nicht so einfach, der voranschreitenden Islamophobie argumentativ zu begegnen. Verteidigende Sätze mit Aussagen wie „Es sind doch nur wenige Muslime so“ greifen nur selten. Das ist auch kein Wunder, denn: Wer so argumentiert, kann vielleicht ein etwas differenzierteres Bild durchsetzen, übernimmt (und stärkt) aber gleichzeitig die fundamentale Unterscheidung zwischen „Muslimen“ und „Nicht-Muslimen“.

Die Hauptunterscheidung der „rechten Homogenisierungsmaschine“ wird in solchen Diskussionen nicht angetastet:

Der bestehende Frame

Für ein „Reframing“ der Diskussion über den Islam

Wer in diesem Diskussionsrahmen (engl.: „frame“) bleibt, kann den konstruierten Gegensatz Muslime vs. Nicht-Muslime nicht auflösen – und daher den Kampf gegen die falschen Bilder in den Köpfen kaum gewinnen. Wer diese Diskussion erfolgreich führen will, muss darum danach trachten, den Diskussionsrahmen zu verändern, kurz: für ein „Reframing“ der Debatte sorgen.

Schauen wir uns den bestehenden „frame“ einmal etwas genauer an:

Der bestehende Frame im Detail

Die derzeit dominante Unterscheidung – friedliche Nicht-Muslime vs. bedrohliche Muslime – erfüllt eine Doppelfunktion: Sie homogenisiert nicht nur alle Muslime zu einer Bedrohung, sondern blendet gleichzeitig andere Fanatismen (wie rechtsextreme Gewalt und Hetze) aus bzw. legitimiert diese sogar. Und obendrein sorgt dieser Diskussionsrahmen dafür, dass man schnell als „weltfremd“ oder „naiv“ kritisiert wird, wenn man aufzeigt, dass die allermeisten Muslime friedliche Menschen sind (die übrigens stärker von islamistischen Terror betroffen sind als Nicht-Muslime).

Was können wir also tun, damit diese friedliche Mehrheit der Muslime (und auch die gewaltorientierte Minderheit auf nicht-muslimischer Seite) nicht länger ausgeblendet wird? Der Lösungsansatz, den ich hier zur Diskussion stellen möchte: Wir müssen eine neue, stärkere Trennlinie ziehen. Eine neue, starke Unterscheidung zwischen der friedlichen Mehrheit der Menschen (in allen Bevölkerungsgruppen) und den diversen Fanatikern im Land.

Der neue Frame

Mehrheitsfähige Argumente

Das Fundament dieses neuen Diskussionsrahmens bilden drei Kernbotschaften, die als „tragende Säulen“ der Argumentation dienen:

  • Die breite Mehrheit aller Menschen will friedlich zusammenleben. Quer durch alle Bevölkerungsgruppen haben die Menschen viel gemeinsam. Sie wollen gut mit ihren Mitmenschen auskommen. Sie wollen von ihrer Arbeit leben können. Sie wünschen sich eine glückliche Beziehung, Gesundheit und dass es ihren Nachkommen besser geht.
  • Ein paar Fanatiker bedrohen dieses Zusammenleben. Es gibt leider in manchen Bevölkerungsgruppen ein paar Fanatiker, die dieses friedliche Miteinander bekämpfen. Rechtsextremisten und Islamisten haben dabei mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist. Sie ziehen eine Trennlinie zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Sie geben vor, für ihre „Kultur“ zu kämpfen. Sie rekrutieren sich vorrangig aus bildungsfernen Schichten. Sie säen Hass und Zwietracht. Und sie brauchen sich wechselseitig, um neue AnhängerInnen zu rekrutieren.
  • Wir müssen unsere Gesellschaft vor solchen Typen schützen. Als Vertreter/innen der friedlichen Mehrheit dürfen wir nicht auf ihre Spaltungsversuche hereinfallen. Vielmehr müssen wir uns (mit demokratischen Mitteln) gegen diese „Störenfriede“ und Feinde der offenen Gesellschaft zur Wehr setzen – unabhängig davon, unter welcher Fahne sie gerade auftreten.

Ich habe diese Aussagen bereits mehrfach getestet und dabei festgestellt, dass sie auch von vielen FPÖ-AnhängerInnen geteilt werden. Und wer immer diese Botschaften teilt, kann damit aus der Konfrontationslogik zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen herausgeholt werden.

Anwendung in der Praxis

Nehmen wir beispielsweise die leidige Diskussion über die vermutete Radikalisierung in den Wiener Kindergärten. Von den rund 3.000 Kinderbetreuungseinrichtungen in der Bundeshauptstadt werden nach Schätzungen des Wiener Professors für islamische Religionspädagogik Ednan Aslan (dessen wissenschaftlich eher zweifelhafteStudie“ Ausgangspunkt der jüngsten Diskussion über dieses Thema war) rund 150 Einrichtungen von islamischen Vereinen betrieben. In einem Bruchteil dieses Bruchteils aller Kindergärten vermutet er die Verbreitung islamistischer Propaganda.

Natürlich könnte man nun argumentieren, dass nicht erwiesen ist, ob diese Behauptung überhaupt stimmt – es gibt dazu jedenfalls keine gesicherten Informationen. Man könnte argumentieren, dass nur ein kleiner Teil aller Kindergärten von islamischen Vereinen betrieben wird und es in den allermeisten dieser Kindergärten nicht anders zugeht als anderswo – das Problem also, selbst wenn es bestehen sollte, recht überschaubar sein dürfte. Und man könnte argumentieren, dass die Kontrollorgane der Stadt Wien im Jahr 2014 rund 3.000 unangemeldete Besuche in Kinderbetreuungseinrichtungen durchgeführt haben, von denen kein einziger einen Hinweis auf die Verbreitung islamistischer Propaganda ergeben hat. Alle diese Argumente sind richtig und redlich und wurden in der jüngst von unserem (neuerdings Rechts-)Außenminister Sebastian Kurz losgetretenen Debatte auch von verschiedenen Seiten gebracht. Doch letztlich bekämpft keines dieser Argumente das grundlegende Schreckensbild vom „Islam-Kindergarten“, in dem „mit Steuergeld islamistische Kopfabschneider gezüchtet werden“ (© Heinz-Christian Strache). Und solange man in diesem Diskussionsrahmen bleibt, handelt man sich den Vorwurf der Verharmlosung oder Fehleinschätzung ein, wenn man gegen die Stimmungsmache argumentiert.

Mit dem von mir vorgeschlagenen Diskussionsrahmen könnte man dieser Falle entgehen – und viel grundlegender argumentieren. Zum Beispiel so:

Es gibt leider immer wieder FanatikerInnen, die versuchen, Kinder in ihrem Sinne zu beeinflussen – teils aus religiösen Motiven (wie jene Wiener Kindergärtnerin, deren missionarischer Eifer für Schlagzeilen sorgte), teils aus politischen Motiven (wie in Deutschland, wo rechtsextreme Erzieher/innen ein Thema sind). Egal, von welcher Seite sie kommt: Propaganda hat in einem Kindergarten nichts verloren. Und darum gehen wir auch entschlossen dagegen vor, wenn gegen dieses Prinzip verstoßen wird.

Fakten statt Panik

Ein Vorteil dieses Argumentationsmusters ist, dass es die Existenz fanatischer Islamisten nicht ausblendet. Ganz im Gegenteil: Es erleichtert die klare Verurteilung von Fanatismus und Gewalt, ohne gleich in ein islamophobes Fahrwasser zu geraten. Und es ermöglicht einen nüchternen Blick darauf, von welchen Kräften in unserem Land das größte Bedrohungspotenzial für unsere Demokratie und unser Wertesystem ausgeht. Denn gerade wenn wir über Fanatismus reden, sollten wir uns von Fakten statt von Panik leiten lassen.

Zu diesen Fakten gehört, dass Fanatismus in unseren Breitengraden weitaus weniger mit dem Islam zu tun hat, als die öffentliche Diskussion vermittelt. Wie beispielsweise die Süddeutsche Zeitung berichtete, begingen Rechtsextreme in den letzten Jahren in Deutschland mehr als hundertmal so viele Straftaten wie islamistisch motivierte Täter.

 
In Österreich dürfte die Situation nicht sehr viel anders sein, unser Verfassungsschutzbericht weist jedenfalls keine Zahlen für islamistisch motivierte Strafhandlungen aus. Letztlich ist es aber auch egal, ob FanatikerInnen rechtsextrem, linksextrem, christlich oder muslimisch motiviert sind – wir als friedliche Mehrheit müssen allen die Stirn bieten. Und das kann uns nur dann gelingen, wenn wir nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft entlang verschiedener Glaubensbekenntnisse gespalten wird.

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2 Kommentare

  1. Paul M. Sills
    Am 31. Dezember 2015 um 19:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich kann dem allen absolut zustimmen. Es ist aber nicht die ganze Geschichte.

    Die allgemeine Wahrnehmung des Islam als extremistisch und gewalttätig wird ja leider nicht nur durch Hetzer von außen geschürt. Wir sehen nun mal Islam (etwa im Fernsehen oder in Zeitungsberichten) überwiegend im Zusammenhang mit Terrorakten oder mit „Allahu akbar“ brüllenden IS-Kämpfern. Die zweifellos friedfertige große Mehrheit der Muslime tritt dagegen (als Muslime) kaum in Erscheinung. Man stelle sich vor, das Bild der österreichischen Gesellschaft würde großteils durch Bilder von randalierenden Neonazis und brüllenden Anti-Flüchtlings-Demonstranten geprägt. Dann würde die Wahrnehmung von Österreich im Ausland noch viel schlimmer aussehen.

    Klar – es ist schwer, dagegen was zu tun. Die friedlichen Aktivitäten von Muslimen sind weit weniger interessant als die der islamistischen Bombenwerfer. Ich denke aber, dass mehr geschehen könnte, um das Bild von innen her gerade zu rücken.

    Bilder hinterlassen nun mal einen wesentlich stärkeren Eindruck als noch so engagierte Diskussionen.

  2. Am 31. Dezember 2015 um 21:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Lieber Paul, vielen Dank für diese Ergänzung – das ist ein sehr valider Punkt und da stimme ich dir ebenfalls zu.

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