Wien-Wahl 2015: Warum ÖVP und Grüne verloren haben

Das Ergebnis der Wien-Wahl bestätigt, dass eine klare strategische Positionierung wichtiger ist als Wahlplakate oder Werbespots. SPÖ, FPÖ und NEOS haben diese Grundregel berücksichtigt, ÖVP und Grüne hingegen nicht.

Das Ergebnis der Wien-Wahl ist vieles, aber nicht überraschend. Ich habe schon im Juni darauf hingewiesen, dass ÖVP und Grüne ein Positionierungsproblem im Wiener Wahlkampf haben. Und beide haben diese Einschätzung deutlich bestätigt, indem sie (zwischen den Stühlen sitzend) einen Wahlkampf vorbei an den (und auch ihren) Wählerinnen und Wählern gemacht haben.

oevp_wien Wenn sie bei der nächsten Wahl wieder verlieren wollen, können ÖVP und Grüne es sich nun natürlich leicht machen und die Verantwortung für ihr Wahlergebnis auf die „allgemeine Themenlage“ (sprich: die Flüchtlingskrise) abschieben, die es ihnen so schwer gemacht hat, „ihre Themen“ durchzubringen. Doch das ist – ganz offen gesagt – Bullshit. Die Rahmenbedingungen dieser Wahl waren natürlich nicht einfach für kleinere Parteien. Eine taugliche Ausrede für die Kampagnenmanager/innen der Wiener „Volkspartei“ und der Stadtgrünen ist das allerdings nicht.

NEOS punkten trotz „Duell“

Wenn das „Duell“ zwischen SPÖ und FPÖ wirklich alles überlagert hätte, wären die NEOS – die unter deutlich schwierigeren Rahmenbedingungen und der gleichen „Themenlage“ angetreten sind – trotz steigender Wahlbeteiligung wohl nicht so klar in den Gemeinderat eingezogen. Vielmehr ist es ihnen mit einer klaren „Change“-Ansage gelungen, in einer stark polarisierten Situation nicht zerrieben zu werden. Manche ihrer Kampagnen-Slogans mögen dabei fast schon etwas punkig gewirkt gaben, aber Auffallen gehört schließlich zum Handwerk, wenn man als Kleinpartei eine Chance haben möchte.

In Summe hat sich diese klare Positionierung ausgezahlt: Erste Analysen der WählerInnenströme deuten darauf hin, dass die NEOS mit dieser Linie gerade auch bei ehemaligen und potenziellen GrünwählerInnen gepunktet haben. Hier kann man wirklich gespannt sein, ob die Wiener Grünen ebenfalls von „Leihstimmen“ sprechen werden …

SPÖ verhindert mit klarer Haltung ein Debakel

Die SPÖ hat zwar im Vergleich zu 2010 Stimmen verloren, aber eine blutige Niederlage – auf die der Umfragetrend vor dem Sommer eigentlich hinwies – erstaunlich deutlich abgewehrt. Wie man auch an der gestiegenen Wahlbeteiligung erkennen kann, hatte die erfolgreiche Zuspitzung auf die Frage, wer in Wien die stärkste Partei sein soll, einen maßgeblichen Anteil daran.

Bemerkenswert an diesem Ergebnis ist, dass die Wiener SPÖ auch deshalb so gut abgeschnitten hat, weil sie der FPÖ – trotz der heiklen „Themenlage“ – entschlossen Paroli geboten hat. Es wirkt so, als hätte die SPÖ die positive Kraft der Zivilgesellschaft in Wien als Einflussfaktor höher bewertet als die Grünen. Statt in einer kritischen Situation mit den Wölfen zu heulen oder auf andere Themen zu setzen, trat sie klar für einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen ein – und bot damit nicht zuletzt verunsicherten Menschen Orientierung. Darum freuen sich die roten Wahlkämpfer/innen heute zu Recht über ihr Wahlergebnis. Sie haben aus der Not eine Tugend gemacht und sich in einer äußerst kritischen Situation für den richtigen Weg entschieden: Jeder Versuch, sich an die FPÖ-Linie anzubiedern, hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Debakel zur Folge gehabt.

FPÖ mit Stenzel-Bonus

Wer übrigens glaubt, die FPÖ hätte von der Zuspitzung auf ein „Duell“ profitiert, irrt meines Erachtens. FPÖ-Wähler/innen waren schon vor fast einem Jahr ausmobilisiert, eine hohe Wahlbeteiligung war also nicht im Interesse der Strache-Partei. Die Wiener Blauen kamen nur deshalb über 30 Prozent, weil sie die erfolgreiche Schlussmobilisierung der SPÖ mit der konsequenten Erschließung einer neuen Zielgruppe konterten: traditionellen Konservativen.

Ich habe in diesem Beitrag schon ausführlich beschrieben, wie und warum sie das gemacht haben. Das einstellige Wahlergebnis der ÖVP ist ein Beweis dafür, dass diese Strategie der FPÖ überaus erfolgreich war.

Möglich wurde das, weil die Wiener ÖVP letztlich von ihrer Bundespartei geopfert wurde, die mit einer harten Linie in Sachen Asyl und Integration darauf zu hoffen scheint, mal wieder als drittstärkste Partei den Bundeskanzler stellen zu dürfen. Und die Grünen, nun ja, sind der Beleg dafür, dass eine gute grafische Grundlinie eine saubere Positionierung nicht ersetzen kann. Das Fazit haben sie nun selbst auszubaden. ÖVP-Chef Juraczka hat seinen Rücktritt bereits angekündigt, der von Grünen-Chefin Maria Vassilakou angekündigte Rücktritt steht zur Stunde noch aus …

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