Die Meister der Verdrängung

Wer wissen möchte, wie Verdrängung funktioniert, findet an diesem Wochenende sehr viele Beispiele dafür. Der Grund dafür heißt Traiskirchen. Wie kommt es, dass manche Menschen so viel Aufwand betreiben, um den Tatsachen dort nicht ins Auge blicken zu müssen?

Der Bericht von amnesty international schildert die Lage in Traiskirchen, wie sie ist. Unangenehme Fakten, die belegen, dass in einer Einrichtung der Republik Österreich Zustände herrschen, die gegen die Menschenrechte verstoßen. Ein Missstand, der sofort beseitigt gehört. Der aber auch eine entscheidende Frage aufwirft: Wie kann es überhaupt sein, dass so etwas heutzutage in Österreich möglich ist? Wer „sorgt“ für solche Zustände?

Die Antwort auf diese Frage ist so einfach wie unangenehm: Die Mehrheit. Alle, die eine Partei gewählt haben, die solche Zustände schafft oder zulässt. Alle, die darauf vertraut haben, dass unsere gewählten Politikerinnen und Politiker und die dafür zuständige Verwaltung eine menschenwürdige Grundversorgung von Flüchtlingen organisieren können. Alle, die es nie gestört hat oder die sich nicht mehr darüber aufregen können, wenn jemand die Angst vor Fremden schürt.

Es ist sehr unbehaglich, ein Teil dieser Mehrheit zu sein. Und darum muss nun die Kavallerie der Selbstbeschwichtiger ausreiten, damit die Wahrheit nicht zu unerträglich wird. Die Meister der Verdrängung: FPÖ-Funktionäre, die uns auf Facebook erklären wollen, dass die Flüchtlinge an den Zuständen in Traiskirchen selbst schuld sind. Michael Jeanné, der in der Kronen Zeitung mit dreisten Erfindungen operieren muss, um sich seine seltsame Weltsicht zu erhalten. Und selbst „Die Presse“, die einen ganzen Leitartikel für die Feststellung braucht, dass Traiskirchen nicht in Nordkorea liegt, weshalb Österreich sich glücklicherweise nicht schämen muss.

Diese teils bizarr entrückt wirkenden Bemühungen sind ein Beweis dafür, wie groß das schlechte Gewissen, das unterdrückte Schuldgefühl, das Unbehagen mit den Nachrichten aus Traiskirchen sein muss. Es liegt in der Natur des Menschen, sich mit Selbstlügen etwas Erleichterung zu verschaffen. Wer der selben Partei wie die Innenministerin angehört, will schließlich das Selbstbild vom guten und rechtschaffenen Bürger bewahren können. Wer ausländerfeindliche Witze lustig findet, will nicht damit konfrontiert werden, für das Leid unschuldiger Menschen mitverantwortlich zu sein. Und wer sich diesem Land zugehörig fühlt, muss unangenehm davon berührt werden, wenn die schlechten Seiten Österreichs international für Schlagzeilen sorgen. Darum braucht es umso mehr Beschwichtiger, Relativierer und Verharmloser, je stärker die Wahrheit unser nationales Selbstverständnis zu erschüttern droht. Niemand kann schließlich rechtfertigen, dass Menschen, die vor gewalttätigen Fanatikern geflohen sind, hierzulande wie Vieh behandelt werden. Wäre Traiskirchen ein Tierheim, hätte der Druck des Boulevards solche Missstände längst abgestellt. Aber Hauptsache, Österreich braucht sich für nichts zu schämen.

Ich hingegen schäme mich in diesen Tagen. Dafür, dass es in unserem Land ohne politische Konsequenzen bleibt, wenn eine Innenministerin ihren Job nicht ordentlich erledigt und tausende Menschen darunter leiden müssen. Dafür, dass der ÖVP-Obmann diese Ministerin weiter fuhrwerken lässt, was ihr totales Versagen politisch legitimiert. Dafür, dass unser Kanzler dies zulässt, wodurch eine sozialdemokratische Partei sich mitschuldig an derartigen Zuständen macht.

Doch zu sehen, wie hart der österreichische Verdrängungsapparat in diesen Tagen arbeiten muss, gibt mir auch Hoffnung. Zum Einen, weil das ja auch ein wenig darüber aussagt, wie die Österreicherinnen und Österreicher eigentlich sein oder zumindest gesehen werden möchten. Und zum Anderen, weil noch niemand einen Kampf gegen die Wahrheit auf Dauer gewonnen hat. Die Zahl der Menschen, die – aufgerüttelt durch das Versagen unserer Bundesregierung und der Landeshauptleute – dabei mithelfen, die Situation von Flüchtlingen in Österreich zu verbessern, wird täglich größer. Es wird immer sichtbarer, wie widerlich, inhuman und letztlich auch unwählbar es ist, Menschen in Not ihrem Schicksal zu überlassen. Und gegen diese Unmenschlichkeit formiert sich eine neue Mehrheit.

Natürlich wird ein unbelehrbarer Teil der Bevölkerung sich davon nicht beirren lassen und weiterhin fremdenfeindlichen Hetzern ihre Stimme geben. Es werden umso mehr sein, je weniger Haltung die Regierungsparteien in dieser Frage zeigen. Denn SPÖ und ÖVP legitimieren die Ausländerfeindlichkeit der FPÖ, wenn sie ihre Entscheidungen daran ausrichten. Falls sie auch in Zukunft noch Regierungsparteien sein wollen, sollten sie statt dessen in Wort und Tat dagegen Stellung beziehen. Zugegeben: Das wäre ziemlich unbequem für viele Politikerinnen und Politiker, denn unangenehme Wahrheiten sind in Österreich nicht besonders populär. Aber letztlich werden sie dafür gewählt, sich Problemen zu stellen. Und nicht fürs Verdrängen.

Dieser Beitrag wurde in Gesellschaft, Integration, Medien, Politik veröffentlicht. Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*
*

  • Letzte Beiträge

  • Kategorien