Genug gestormt

Nicht nur, weil bald Weihnachten ist: Wir sollten alle von Zeit zu Zeit ein wenig leisere Töne im Netz anschlagen und der Dauerempörung eine Pause gönnen. Denn wo nur mehr geschrien wird, kann niemand mehr etwas hören.

Im Sigmund-Freud-Park vor der Votivkirche, in unmittelbarer Nähe des Refugee-Camps, das derzeit dort bitterkalten Temperaturen trotzt, steht ein bescheidener Gedenkstein, der dem Begründer der Psychoanalyse gewidmet ist und im Vorübergehen leicht übersehen werden kann. Die schlichte Inschrift passt gut zum dezenten Erscheinungsbild des Denkmals, denn sie lautet: „Die Stimme der Vernunft des Intellekts ist leise.“

Dieses – leider ein wenig verkürzte – Zitat Freuds (hier das Original zum Nachlesen) kommt mir in letzter Zeit immer öfter in den Sinn. Denn kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Welle lautstarker Entrüstung durch meine Twitter-Timeline rauscht. Nach dem Shitstorm ist vor dem Shitstorm – und der Großteil jedes Shitstorms besteht aus … nun, der Name sagt es ja schon. Hat die leise Stimme der Vernunft da noch eine Chance?

Guten Morgen! Worüber erregen wir uns heute?

Auch der österreichische Twitter-Leitarminwolf dürfte diese Stimmung im Kopf gehabt haben, als er seine Follower neulich mit einem etwas bissigen „Guten Morgen! Worüber erregen wir uns heute?“ begrüßte (wobei ich seinen damaligen Verweis auf die von Barbara Kaufmann geschilderte Ausbeutung der freien MitarbeiterInnen von Ö1 bei dieser Gelegenheit ausdrücklich empfehlen möchte). Wolf ist nicht der einzige User, dem die dauergereizte Stimmung auf Twitter aufgefallen ist, auch sonst mehren sich die entsprechenden Kommentare.

Vor über einem Monat hat „Die Zeit“ einen überaus lesenswerten Artikel dazu veröffentlicht, der auf den Punkt bringt, warum die digitalisierte Welt zum permanenten Wutausbruch neigt:

„In der Empörungsdemokratie der Gegenwart besitzt fast jeder die Instrumente, um die eigenen Botschaften in die medialen Erregungskreisläufe einzuspeisen. […] Der Skandalschrei ist inzwischen so etwas wie die Ultrakurzformel eines aggressiven Werbens um Aufmerksamkeit.“

Die permanente Twitterregung ist also weniger Abbild der tatsächlichen Unzufriedenheit in der Bevölkerung als das Ergebnis einer individualisierten Aufmerksamkeitsökonomie. Wer twittert, will schließlich auch Retweets, Favs und Follower bekommen. Und so wie klassische Medien im harten Kampf um Quoten und Marktanteile letztlich immer schrillere Töne anstimmen müssen, um sich Gehör zu verschaffen, schaukeln auch wir uns immer weiter hoch und steigern wechselseitig unsere Neigung, sich mit vielen Großbuchstaben, Rufzeichen und kräftigen Worten öffentlich zu erregen.

Wutmensch statt Gutmensch

„Das größte gesellschaftliche Internetproblem ist kein technisches, sondern ein soziales: digitaler Hass.“ nannte Sascha Lobo eine besondere Ausprägung dieses Phänomens neulich in seiner Netz-Kolumne. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil Lobo Verfechter einer durchaus konfliktfreudigen Beleidigungskultur ist. Doch auch ihn dürfte das unbehagliche Gefühl ereilt haben, dass das, was wir derzeit an Wutausbrüchen erleben, den gesamten Diskurs im Netz zu vergiften droht.

Eine solche Entwicklung sollten wir nicht einfach hinnehmen, denn wo nur mehr geschrien wird, kann niemand mehr etwas hören. Wenn alles – egal ob banal oder berechtigt – unser Aufsehen erregt, dann gibt es bald keinen Unterschied zwischen Skandal und Ärgernis mehr. Wer nicht mehr differenziert und z. B. alle PolitikerInnen pauschal für korrupt erklärt, macht es den Korrupten letztlich einfacher, ihre Machenschaften weiter zu betreiben.

Dagegen sollten wir uns zur Wehr setzen – natürlich möglichst friedlich und gelassen. Die einfachste Form der Gegenwehr ist, sich nicht am täglichen Empörungswettbewerb zu beteiligen. Einfach mal abwarten, welche Fakten noch auftauchen, statt gleich Stellung zu beziehen. Die Meinung etwas reifen lassen, bevor man sie in die weite Welt entlässt. Oder zumindest auf das eine oder andere Rufzeichen verzichten, damit man wenigstens noch eine Steigerungsmöglichkeit in petto hat – für die richtig großen Sauereien da draußen. Es liegt an uns, ob wir der #Trollokratie zum Durchbruch verhelfen wollen oder lieber den kleinen Troll, den alle von uns in sich haben, an die Leine der Vernunft nehmen. Mir wäre es lieber, wenn die sozialen Medien auch wirklich sozial bleiben.

Für eine digitale Streitkultur

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es müssen sich jetzt nicht alle im Netz an den virtuellen Händen nehmen und im Googlekreis tanzen. Ich habe nichts gegen Konflikte, ganz im Gegenteil: Ich beteilige mich leidenschaftlich gerne an kontroversiellen Diskussionen, mag den Wettstreit der Argumente und empfinde ein „reinigendes Gewitter“ oft als weitaus konstruktiver als das Zudecken und Verdrängen gegensätzlicher Interessen und Anliegen.

Doch Auseinandersetzungen erfordern auch ein gewisses Maß an Streitkultur – und da sind wir in Österreich nicht sonderlich gut. Nicht zuletzt aufgrund der traumatischen Erfahrungen des österreichischen Bürgerkriegs und der Nazi-Zeit gehören lösungsorientierte Verhandlungen hinter verschlossenen Türen hierzulande eher zur politischen Tradition als sachliches Streiten in aller Öffentlichkeit. (Wäre das anders, könnte man mit Slogans wie „Genug gestritten“ wohl keine Wahlen gewinnen.) Zwar entfernen wir uns immer weiter von der Konsensdemokratie früherer Jahrzehnte, doch in meinen Augen haben wir erst die Hälfte des Wegs zur Streitkultur beschritten – den Streit haben wir schon, die Kultur noch nicht.

Demokratie oder Trollokratie?

Im Netz, wo nicht sichtbar ist, welche Wirkung die eigenen Worte beim Gegenüber auslösen, ist ein solide Streitkultur umso wichtiger. Sonst überlassen die sensibleren und bedächtigeren Gemüter das Feld der öffentlichen Diskussion nach und nach den Trollen und Streithanseln – bis es sich irgendwann gar nicht mehr lohnt, überhaupt noch zu diskutieren.

„Empört Euch!“ ist der Titel eines populären Essays des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel. Es wirkt ein wenig so, als würde dieser Appell ganz oben auf der täglichen ToDo-Liste vieler Mitglieder der Twitter-Community stehen. Wer diesem Leitsatz folgt, sollte sich mal wieder den gesamten Essay durchlesen und daran erinnern, dass Hessel nicht nur einer der Mitautoren der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen, sondern auch ein Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald war. Gerechtigkeit, Vernunft und Friede spielen in seinen Gedanken eine wesentliche Rolle – ganz im Gegensatz zu Shitstorms. In diesem Sinne: Empört euch – aber bitte nicht dauernd.

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2 Kommentare

  1. Flo Ledermann
    Am 12. Dezember 2012 um 10:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wie die leise Stimme des Intellekts sich in 140 Zeichen-Schnipseln ausdrücken soll muss mir aber auch noch jemand erklären. Ist doch schon vom Medium her als Pendant zur Krone-Schlagzeile angelegt…

  2. Am 17. Dezember 2012 um 13:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Teilweise gebe ich Dir recht, oft erscheint das eigene Posting am nächsten Tag ziemlich lächerlich.

    Allerdings sehe ich den shitstorm eher als Zeichen einer kommunikativen Ausweglosigkeit und zwar vor allem im politischen Bereich. Es ist nunmal so, dass sich unsere PolitikerInnen entschieden haben, die inhaltliche und die kommunikative Arbeit einzustellen. Ein Blick auf die Facebook Seite unsere Bundeskanzlers genügt um festzustellen, dass hier lediglich Kommunikation simuliert wird. Und damit meine ich nicht gekaufte Freunde und Jubelposter der Parteien.

    Da bleibt oft nur noch die Empörung und auf eben diese Empörung haben WählerInnen ein Recht, auch weil sie sonst gar nicht mehr gehört werden.

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