Unbedankte Leidensfähigkeit

Christine Marek tut mir ehrlich leid. Vor weniger als einem Jahr musste sie unfreiwillig auf ihren „Herzensjob“ als Familienstaatssekretärin verzichten, um sich der Dauerbaustelle Wiener ÖVP zu „widmen“ und heute sah sie sich – wieder gegen ihren Willen – gezwungen, auch diese Funktion aufzugeben.

Vor gut elf Monaten habe ich in diesem Blog geschrieben, dass Marek sich nie im Leben gewünscht haben kann, was sie in Wien erwartet – doch ein derartiges Ausmaß an Selbstzerfleischung hätte ich nicht für möglich gehalten. Es wirkt beinahe wie eine Verhöhnung, wenn die schwarze Männerriege nun das freigewordene Mandat der langjährigen Bundesleiterin der ÖVP-Frauenbewegung, Maria Rauch-Kallat, dafür missbraucht, Marek von Wien in den Nationalrat zu bugsieren.

In beiden Fällen beugte sie sich verschiedenen Presseberichten zufolge dem Druck des jeweiligen Bundesparteivorsitzenden, wobei man Josef Pröll immerhin zugute halten kann, durch die damalige Personalrochade verhindert zu haben, dass der beinahe fix gebuchte Harry Himmer zum VP-Parteivorsitzenden in Wien wurde. Durch dessen Verwicklung in die Telekom-Affäre (laut „News“ sollen die Kontakte des Alcatel-Generaldirektors Himmer zum damaligen Innenminister Ernst Strasser eine zentrale Rolle bei der umstrittenen Auftragsvergabe des Blaulichtfunks gespielt haben) wäre der Vorvorvorgänger von JVP-Chef Sebastian Kurz heute eine schwere politische Last für die Schwarzen.

Was Michael Spindelegger – der 2010 (zumindest den Medien gegenüber) für einen Verbleib Mareks in der Bundesregierung plädierte – bewegt haben mag, die glücklose, aber durch ihre Leidensfähigkeit für den Job in Wien nahezu prädestinierte Marek abzusägen, ist wohl nur für echte ÖVP-Insider nachvollziehbar. Sollte er damit tatsächlich um „Leadership in der Partei“ kämpfen, wie „Die Presse“ schreibt, hätte er erstaunlich viel Energie an einen Nebenschauplatz der aktuellen ÖVP-Misere verschwendet.

Ob sein Engagement in dieser Sache die ÖVP Wien auf die Siegerstraße bringt, darf angesichts der Nominierung von Gabriele Tamandl zu interimistischen Parteivorsitzenden bezweifelt werden – die Kompromisskandidatin der zutiefst zerstrittenen Partei hat mit Christine Marek nicht nur die Perlenohrringe (wie diese Bilder von Marek und Tamandl zeigen) gemeinsam. Oder, wie Michel Reimon es (wieder einmal) so treffend auf den Punkt gebracht hat: „Interimistische VP-Wien-Chefin“ ist ein Pleonasmus.

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