Das prekäre Gewerbe

Werden heutzutage in der Werbung Unternehmer gezeigt, so sieht man meist jugendlich und dynamisch wirkende Menschen im modischen Businesslook vor der Kamera, die ihre Laptops in lichtdurchfluteten Räumen mit schicken Glaswänden im Hintergrund aufklappen. Doch die Wirklichkeit sieht meist anders aus.

Das Bild vom Unternehmer als elitären Macher ist ein Relikt aus dem Industriezeitalter, das nach dem neoliberalen Umbau unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr zutrifft. Selbstständige sind heute in der Mehrheit nicht kapitalistische Ausbeuter, sondern unfreiwillige Selbstausbeuter, die sozial noch schlechter abgesichert sind als die meisten Angestellten.

Über 50 % der Selbstständigen sind heute EinzelkämpferInnen bzw. so genannte Ein-Personen-„Unternehmen“ (EPU). Viele von ihnen haben den Schritt in die Selbstständigkeit nicht freiwillig gesetzt, sondern wurden dazu gezwungen, weil ihre ehemaligen (potenziellen) Arbeitgeber in den letzten Jahrzehnten zunehmend auf das „Outsourcing“ von Arbeitsplätzen gesetzt haben. Davon betroffen sind auch überdurchschnittlich viele Frauen.

Kein Wunder also, dass 50 % der Selbstständigen netto unter 944 Euro im Monat verdienen, 25 % der Selbstständigen sogar unter 310 Euro im Monat, wie aus dem letzten Einkommensbericht des Rechnungshofs hervorgeht (Erhebungen aus 2009). Das ist nur möglich, weil der Wechsel in die Selbstständigkeit auch bedeutet, dass man keine Gewerkschaft mehr hinter sich hat, die für Mindestlöhne und soziale Absicherung eintritt.

Die Wirtschaftskammer kann mit dieser neuen Mehrheit ihrer Mitglieder nur wenig anfangen. Das hat auch damit zu tun hat, dass sich das prekäre Gewerbe seiner Macht zur Veränderung der eigenen Vertretungsstrukturen nur selten bewusst ist. Da sie sich kaum als Unternehmer verstehen, nehmen viele neue Selbstständige ihr Wahlrecht bei den Wirtschaftskammerwahlen nicht wahr – sonst würden die Mehrheitsverhältnisse dort schon längst anders aussehen.

Umso erfreulicher ist es, dass der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband diese Missstände nun aufgreift. In seiner neuen Kampagne zur Reform der Sozialversicherung fordert er eine bessere Absicherung und spürbare Entlastung jener Selbstständigen, die am oder unter dem Existenzminimum leben.

Eine Änderung, die dringend notwendig ist, damit die soziale Schieflage dieses Systems nicht weiter verschärft wird. Ich unterstütze diese Kampagne und hoffe, dass auch viele andere dabei mitmachen werden.

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Ein Kommentar

  1. Am 14. April 2011 um 10:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich sehe das größte Problem im Fall einer Krankheit. Die Kosten inkl. SV-Beiträge laufen weiter und gleichzeitig brechen die Einnahmen weg. Eine entsprechende Zusatzversicherung haben die wenigsten, denn die kostet wieder extra.

    Wie man das allerdings administrativ auf die Reihe bekommen kann, ist mir auch (noch) schleierhaft. Ich habe den Eindruck, man braucht einen völlig neuen Denkansatz. Meiner Beobachtung nach funktionieren die Dinge immer schlecht, wenn man versucht, eine Regelung von einem System auf ein anderes zu übertragen.

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