Die Feinde der Menschlichkeit

Seit ich die verschiedenen Ausprägungen der „Ausländerfeindlichkeit“ unter dem Begriff „Menschenfeindlichkeit“ zusammenfasse, kann ich viel wirksamer dagegen argumentieren. Eine Beobachtung.

Hierzulande werden rassistische Aussagen gerne mit der Einleitung „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …“ begonnen. Ich habe diesen Satz sicher schon über hundert Mal gehört und noch nie kam danach eine Formulierung, die den Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nicht mit Füßen getreten hätte. Wenn man betont, nichts gegen Ausländer zu haben, kann man bei uns scheinbar jeden xenophoben Gedankenmüll verzapfen.

Eine zusätzliche Entlastung für die „Ich habe nichts gegen“-Ausländerfeinde bietet die Rhetorik der FPÖ (und anderer rechter Gruppen), die entsprechenden Vorwürfen gewohnheitsmäßig mit dem Hinweis begegnet, nicht „ausländerfeindlich“ sondern „inländerfreundlich“ zu sein. Mit dieser Wendung vertiefen die Blauen den Gegensatz zwischen ihrer Vorstellung von „uns“ (gut, inländisch, einheimisch, österreichisch) und „denen“ (böse, ausländisch, zugewandert, fremd).

Es ist immer das gleiche Lied: Wenn man das Kind dann mal beim Namen nennt (wahlweise Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Antiislamismus, Xenophopie oder Fremdenangst) wird man mit großen, verständnislosen Augen angeschaut und das Gegenüber versichert, keinesfalls etwas gegen „Ausländer“ zu haben, sondern nur die „berechtigten Sorgen und Ängste der Menschen“ ernst zu nehmen. Jede Kritik daran wird als fahrlässige Verharmlosung ernst zu nehmender Gefahren durch realitätsfremde „Gutmenschen“ abgetan, wie diffus auch immer diese Bedrohungen sein mögen (eigentlich könnte man diese Technik auch als Gutmenschen-Keule bezeichnen).

Als ich vor einigen Monaten über dieses Phänomen gewundert habe, hat mir der Meinungsforscher Günther Ogris vorgeschlagen, emotional polarisierende Begriffe wie Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit durch das – weitaus weniger besetzte – Wort „Menschenfeindlichkeit“ zu ersetzen. Erst neulich habe ich gelesen, dass es auch sozialwissenschaftliche Ansätze gibt, die diesen etwas anderen Blickwinkel einnehmen.

Für die alternative Wortwahl spricht jedenfalls einiges: „Ausländerfeindlichkeit“ richtet sich schließlich nicht nur gegen „Ausländer“, sondern auch gegen die humanistischen Grundwerte unserer Gesellschaft und damit letztlich gegen uns alle. Der Begriff „Menschenfeindlichkeit“ trägt außerdem nicht zur Vertiefung der künstlichen Unterscheidung zwischen „Ausländern“ und „Inländern“ bei, sondern legt offen, dass die aggressive Rhetorik der Verhetzer immer gegen Menschen gerichtet ist — heute gegen die einen, morgen gegen die anderen, übermorgen vielleicht schon gegen dich oder mich.

Seit ich diesen Begriff in Diskussionen verwende, fällt es mir interessantweise leichter, Menschen mit Vorurteilen aus ihren eingefahrenen Denkmustern heraus zu holen. Die „Ich habe nichts gegen“-Rechtfertigungsmuster der jeweiligen Gesprächspartner greifen plötzlich nicht mehr – mit einem verblüffenden Effekt: Statt um die Unterschiede zwischen In- und Ausländern drehen sich die Gespräche nun mehr um die Unterschiede zwischen einer Politik, die sich gegen (einzelne Gruppen von) Menschen richtet und einer Politik, die etwas für die Menschen (egal welcher Herkunft) tut.

Entlang dieser Unterscheidung wird viel deutlicher, dass Menschenfeindlichkeit keine Probleme löst, sondern eines ist – weil sie Angst und Hass schürt, statt etwas zur Verbesserung der Situation beizutragen. Und plötzlich zeigt sich, was nicht nur die Meinungsforschung, sondern auch der gesunde Menschenverstand sagt: Themen wie Bildung, Arbeit, Gesundheit oder Umwelt sind den meisten Menschen weitaus wichtiger als künstliche Erregungen über Kleidungsvorschriften für Musliminnen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Eine kleine Veränderung in der Wortwahl wird einen Rassisten nicht zum Umdenken bewegen. Doch da die ausgetretenen Argumentationspfade viel zu oft in die oben beschrieben Sackgasse führen, braucht es neue Diskussionsansätze.

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3 Kommentare

  1. Am 7. Januar 2011 um 11:55 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Uhm ich habe einen kleinen fehler entdeckt…
    islamismus nicht gleich islam…
    besser nachschlagen…
    der korrekte begriff lautet islamophobie…
    Wenn ich nicht wüsste es ist ein versehen wär ich leicht sauer :D

  2. Am 7. Januar 2011 um 12:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke für die Anmerkung, der Unterschied zwischen Islam und Islamismus ist mir klar. Die Endung -ismus im Wort „Antiislamismus“ bezieht sich meines Erachtens nicht auf den Islam, sondern auf dessen fanatischen Gegner (i.S. von Antiislam-ismus, nicht Anti-Islamismus). Mit der Verwendung des Begriffs „Islamophobie“ lassen sich Missverständnisse dieser Art sicherlich vermeiden, aber letztlich werden die Begriffe Antiislamismus, Islamfeindlichkeit und Islamophobie in der politischen Diskussion synonym verwendet, wie z. B. auch auf Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Islamophobie) nachgelesen werden kann.

  3. Am 8. Januar 2011 um 14:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    aye aye… muss man auchmal wissen ^^*zückt den hut

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