Assange vs. Assange

Wir wissen nicht, welche Ereignisse dazu geführt haben, dass der WikiLeaks-Sprecher Julian Assange sexueller Vergehen beschuldigt wird, doch eines wird dabei immer deutlicher: Sein Verhalten in dieser Angelegenheit war nicht gerade professionell.

Julian Assange hat seinen Teil dazu beigetragen, dass sein Sexualleben nun nicht nur Gegenstand behördlicher Ermittlungen, sondern auch einer breiten Medienberichterstattung wurde. Schließlich waren die Anschuldigungen gegen ihn bereits im August bekannt, er hatte also genug Zeit, diesen Vorwürfen aktiv zu begegnen. Doch er hat dies verabsäumt, im Gegenteil: In verschiedenen Äußerungen zu den Vorfällen in Schweden unterstützte er die Darstellung, dass es sich um eine gesteuerte Verleumdungskampagne gegen ihn handeln würde und die Vorwürfe fingiert seien.

Als Medienberater kann ich nur feststellen, dass professionelle Krisenkommunikation anders aussieht. Ganz anders. Wer mit strafrechtlich relevanten Vorwürfen konfrontiert ist, sollte nicht verschwörerische Deutungen liefern, sondern um Aufklärung bemüht sein. In seiner Funktion als Sprecher hätte Assange auch dafür sorgen müssen, dass WikiLeaks mit diesen Vorwürfen nicht in Verbindung gebracht wird. Doch stattdessen hat er die Plattform noch stärker an seine Person geknüpft, wie sein ehemaliger Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg kritisiert.

Hätte Assange früher reagiert und seine Sprecherfunktion bis zur Aufklärung aller Vorwürfe abgegeben – ein Schritt, der nun praktisch unausweichlich, aber organisatorisch deutlich schwieriger sein dürfte – würden die Vorwürfe gegen ihn das Image von WikiLeaks kaum belasten. Er hätte auch seinen eigenen Ruf damit geschützt, denn was immer im August diesen Jahres in Schweden passiert sein mag, ist nur deshalb eine Schlagzeile wert, weil Julian Assange das Gesicht von WikiLeaks ist.

Assange hat in Kauf genommen, dass seine persönlichen Angelegenheiten die Anliegen von WikiLeaks überlagern. Wenn er dieses Verhalten nicht kritisch hinterfragt und Konsequenzen daraus zieht, könnte er ein größeres Risiko für sein Projekt werden als die zahlreichen Gegner der Whistleblower-Plattform. Vielleicht ist er das aber schon.

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8 Kommentare

  1. fk98
    Am 10. Dezember 2010 um 13:14 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Sie müssten doch wissen, dass der, der einmal abtritt meist für immer geschädigt ist – auch wenn er zu Unrecht beschuldigt wurde. Nach einem solchen Vorwurf ist nichts mehr, wie es vorher war.
    Da es sich bei Wikileaks nicht um eine Partei oder um ein Unternehmen im herkömmlichen Sinne handelt und die veröffentlichten Dokumente extrem brisant waren und sind, verstehe ich nicht, weshalb sie einen politischen Hintergrund bei der ganzen Sache a priori ausschließen.
    Letztendlich wissen ja nur Assange und die beiden Frauen, was wirklich gewesen ist. Und wenn Assange eben wusste, dass er niemanden vergewaltigt hat – warum sollte er dann zurück treten? Um Wikileaks zu schützen? Wovor bitte schön?
    Aus meiner Sicht ist Assange derjenige, der von Wikileaks hätte geschützt werden müssen. Und wenn sich ein Daniel Schmitt in dieser Sache nicht 100%ig auf seine Seite gestellt hat, dann kann ich schon verstehen, warum dieser ihm Illoyalität vorgeworfen hat.
    Es handelt sich schließlich nicht um irgendetwas Belangloses. In einer solchen Situation – in die sich wohl kaum jemand hinein versetzen kann -, stellt sich eben heraus, wer zu einem hält und wer nicht. Und wie man sehen kann, hat das Verhalten von Assange Wikileaks auf keinen Fall geschadet – das krasse Gegenteil ist der Fall. Von daher hat er aus meiner Sicht – auch im Sinne von Wikileaks – genau richtig gehandelt – jedenfalls dann, wenn er unschuldig ist.
    Was nun in Bezug auf die Vorwürfe der sexuellen Vergehen gewesen ist wird sich ggf. bald zeigen.
    Es kursieren unendlich viele Spekulationen dazu im Internet. Ein Interview – oder wenigstens eine Stellungnahme der Frauen gegenüber der Öffentlichkeit – und sei es auch nur über einen Anwalt – vermisse ich sehr. Allein das finde ich schon absolut unpassend der Öffentlichkeit gegenüber. Es müsste ja nicht um Details gehen – aber eine Stellungnahme über einen Anwalt, inwiefern nun ein Vorwurf vorliegt und wie der aussieht, wäre schon angebracht. Und ganz offensichtlich wusste auch Assange eine ganze Zeit lang nicht, was ihm denn nun eigentlich zur Last gelegt wurde. Seiner Aussage nach waren die nicht einmal an einer Aussage von ihm interessiert. Normal ist das nicht.

  2. Am 10. Dezember 2010 um 15:32 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das sehe ich anders. Die Sprecherfunktion bis zur Aufklärung aller Vorwürfe ruhend zu stellen wäre in meinen Augen kein Schuldeingeständnis, sondern ein Zeichen von Professionalität gewesen. Von öffentlichen Anschuldigungen bleibt schnell etwas hängen – wie viel, hängt aber auch vom eigenen Umgang damit ab.

  3. fk98
    Am 11. Dezember 2010 um 02:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wir befinden uns hier nicht in einer Situation, in der es um Werbung, Außendarstellung, Professionalität (leere Befriffshülse) oder sonstige systemimmanenten Angelegenheiten geht. Wenn Sie als Medienberater in irgendeiner Fortbildung mal etwas über „Krisenmanagement“ im kapitalistischen Feudalsystem gelernt haben, ist das ja schön. Sie sollten ihr Wissen aber nicht auf Situationen anwenden, die mit ihrer Weltsicht nicht das geringste zu tun hat. Von daher sind Sie der falsche Berater. Ihre Wahrnehmung ist nicht identisch mit der Wahrnehmung derer, die an die Menschlichkeit dieses Systems, das Sie befördern und „beraten“ schon lange nicht mehr glauben.

  4. Am 11. Dezember 2010 um 06:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Den Eindruck habe ich auch. Vielleicht ist es naiv, aber ich glaube noch an die Menschlichkeit.

  5. fk98
    Am 11. Dezember 2010 um 17:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    An Menschlichkeit und Liebe glauben wir auch. Ansonsten würde der „Kampf“ für mehr Transparenz (Aufdecken von Unmenschlichkeit und Lügen in politischen und wirtschaftlichen Prozessen) und Demokratie in den westlichen Gesellschaften (und weltweit) keinen Sinn machen.
    Assange mag ein charmantes „Arschloch“ sein, was Frauen angeht. Vermutlich hat er mit der Hoffnung und Bewunderung der Frauen gespielt, die ihn angehimmelt haben. Ich glaube aber dennoch nicht, dass es hier um Vergewaltigung geht. Vermutlich geht es um das Spielen mit den Gefühlen der Frauen. Ich denke, er hat sie ausgenutzt – was schlimm genug ist – aber in der westlichen Welt normalerweise nicht zu einem gerichtlichen Prozess oder einer Strafverfolgung führt. Da muss frau auf sich selbst aufpassen und hat auch keinen männlichen Familienclan hinter sich, der dem „Übeltäter“ mal ordentlich eins auf die Mütze gibt oder einen Kopf kürzer macht.
    Ich schätze Assange als einen Egomanen ein, sehr stark auf sich bezogen, was bei seinem Hintergrund aber auch nicht anders möglich ist. Er opfert sein Leben vollkommen seinem Ideal und dies ist ihm hoch anzurechnen und in seinem Fall zudem noch sehr mutig (deshalb sind die Frauen vermutlich auch auf ihn abgefahren). Dass er menschlich gesehen nicht vollkommen ist, ist klar.
    Wie sagt man so schön: Türme misst man an ihren Schatten.
    Als Frau muss man (frau) vermutlich vorsichtig sein bei ihm, wenn man sich mehr als nur einen One-Night-Stand erhofft (und wohl auch, wenn man diesen nur mit Kondom praktizieren will).

  6. Am 12. Dezember 2010 um 01:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Pfuh, du zeichnest da ein härteres Bild von Assange, als ich das je tun würde. Ich will und kann seine Psychostruktur nicht einschätzen, da ich ihn nicht kenne. Mir ist egal, wie egomanisch er ist. Als Kopf einer politischen Initiative trägt er allerdings eine Verantwortung, der er nicht immer nachgekommen ist und eben darauf war mein Post bezogen.

  7. Am 12. Dezember 2010 um 01:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wow. Zweiten Artikel von Dir gelesen, schon wieder 100% Deiner Meinung. Du wirst jetzt erstmal schön twittermäßig verfolgt ;-) (follow back? @doktordab)

    Die Weigerung Assanges, die Vorwürfe ernst zu nehmen und im Sinne der Organisation sich erstmal zurück zu halten, vielleicht sogar ganz in den Hintergrund zu treten, war ja letzten Endes auch einer (von vielen) Gründen für den Bruch mit Domscheit-Berg (aka Schmitt) und anderen Aktivisten.

    Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob Assange vielleicht nicht sogar mit den Vorwürfen taktiert hat in dem Sinne, dass er mit dem Medienrummel gerechnet hat (gerade mit Hinblick auf die US-Depeschen) und so noch mehr Aufmerksamkeit auf Wikileaks ziehen konnte. Der Medienhype war ja dementsprechend in den letzten Tagen.

    Aber ich beweg mich mit meinen Vermutungen schon in ähnlichen Gefilden wie Assange selber…

  8. Am 12. Dezember 2010 um 10:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke für das positive Feedback. Ich glaube nicht, dass Assange seine Verhaftung provoziert hat, um die Aufmerksamkeit für WikiLeaks zu maximieren. Diese These hat meines Erachtens alle Merkmale einer Glorifizierungsfantasie. Abgesehen davon ist Bekanntheit im Mediensystem nur die halbe Miete und ohne Glaubwürdigkeit wenig wert. Und die Glaubwürdigkeit von WikiLeaks hat Assange mit dieser Sexgeschichte, die von den eigentlichen Anliegen ablenkt, sicher nicht gestärkt.

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