Säbelrasseln im Cyberspace

Die Netzwelt ist im Kriegsrausch. In einem immer dichter werdenden Nebel aus Verschwörungstheorien und militärischer Rhetorik schreitet die Heroisierung von Julian Assange als Anführer einer Internet-Rebellion voran. Der Kater ist vorprogrammiert.

Mit einem gut trainierten Gespür für die Sprache der breiten Masse bringt es die heutige Schlagzeile der Kronen Zeitung auf den Punkt: „Internet-Krieg um WikiLeaks“. Nicht nur die Gegner, auch die Unterstützer der Whistleblower-Plattform haben sprachlich aufgerüstet, Wörter wie „Cyber-Krieg“ und „Info War“ dominieren die internationalen Schlagzeilen.

Schlagzeile der Kronen Zeitung vom 9. Dezember 2010

John Perry Barlow, der ehemalige Viehzüchter und Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation, hat sich auf Twitter schon am 3. Dezember für eine eindeutige Sprache entschieden:

„The first serious infowar is now engaged. The field of battle is WikiLeaks. You are the troops.“

Die Mobilisierung hat damit eine neue Stufe erreicht. Marco Schreuder wies bereits gestern in seinem Blog darauf hin, dass sich zu den militaristischen Tönen oftmals auch Vorurteile, Sexismus und die Infragestellung der rechtsstaatlichen Demokratie gesellen. Die – bekanntlich leise – Stimme der Vernunft gebietet uns daher eine kurze Nachdenkpause. Was geht da vor?

Wenn aus Onlineaktivisten „Cyberkrieger“ werden

Die aktuellen Ereignisse lenken nicht nur von der Veröffentlichung der Cablegate-Dokumente und deren Inhalt ab. Das damit verbundene Kriegsgeheul verändert auch die öffentliche Wahrnehmung der laufenden Auseinandersetzung, in der aus Onlineaktivisten plötzlich „Cyberkrieger“ werden.

Es ist kein Zufall, wenn Sarah Palin auf ihrer Facebook-Seite eigenartige Vergleiche zwischen Julian Assange und den Führern der Taliban zieht. Diese Wahrnehmung kann früher oder später die Legitimation von Maßnahmen stützen, die zur Beschränkung digitaler Bürgerrechte führen. Unter derartigen Vorzeichen ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis der „Krieg gegen den Cyberterror“ (oder ein vergleichbares Sprachbild) auf die Agenda der internationalen Staatengemeinschaft rückt.

Derartige Versuche der Etikettierung sind nicht weiter verwunderlich. Seltsam ist hingegen, dass viele Unterstützer von WikiLeaks diese martialischen Sprachmuster unreflektiert übernehmen. Julian Assange und die Menschen hinter WikiLeaks müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht einen Teil dazu beigetragen haben. Und sie werden rasch Strategien entwickeln müssen, um die kriegerischen Metaphern abzustreifen, wenn Sie nicht zu Opfern ihrer eigenen Rhetorik werden wollen.

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9 Kommentare

  1. gnu
    Erstellt am 11. Dezember 2010 um 15:36 | Permanent-Link

    Ich verstehe den Schluss nicht, der hier gezogen wird. Schadet die militärische Rethorik nun den Massenmedien (wie zB. der Kronen Zeitung), schadet sie Politikern wie Sarah Palin oder Joseph Lieberman, oder schadet sie Anonymous und WikiLeaks?

    “Infowar” (Informationskrieg) und “Cyberwar” sind übrigens die korrekten technischen Begriffe zur Beschreibung der derzeitigen Vorgänge im Internet, das sei hier nur kurz eingeschoben.

    1) In der Innensicht würde ich “Anonymous” einer subversiven Spaßfraktion zuordnen, allein der Ausdruck “Low-Orbit-Ion-Cannon” des verwendeten DDoS-Tools zeigt, dass man sich nicht wirklich selber ernst nimmt. Mit Revolition im eigentlichen Sinn hat dort niemand was am Hut.

    2) Die DDoS-Angriffe waren Reaktionen auf die Festnahme Assanges und auf den Druck der US-Regierung auf Amazon, PayPal, Visa, MasterCard, PostFinance, etc., denen die Firmen mehr oder weniger ohne Gegenwehr nachgaben und die in Folge WikiLeaks boykottierten. Die Angriffe der Anon_Operation wurden nach zwei Tagen abgebrochen und umgewandelt in eine Informationsoffensive:

    http://www.boingboing.net/2010/12/09/anonymous-stops-drop.html

  2. Erstellt am 11. Dezember 2010 um 17:47 | Permanent-Link

    Meines Erachtens wird die kriegerische Sprache gegen WikiLeaks & Co. eingesetzt werden.

  3. gnu
    Erstellt am 11. Dezember 2010 um 19:59 | Permanent-Link

    Das Mission-Statement lautete: “We will attack any organization which seeks to remove WikiLeaks from the internet or promote censorship of the masses”. Wenn “attack” allein schon als militärische Rethorik durchgeht, geb ich Ihnen recht.

    Die restlichen Begrifflichkeiten wie “Terroristen”, “Vergewaltiger”, “Anarchisten”, “Internet-Krieg”, sowie der Aufruf Assange umzubringen, WikiLeaks-Server zu zerstören, und alle Beteiligten nach Guantanamo Bay zu verfrachten, kommen von außen (Massenmedien und rechten Politikern). Am ehesten noch sehen sich die 4chan-Leute als Anarchisten, aber auch nicht in dem Sinn, wie es gegen sie verwendet wird, sondern im Sinne von dezentral, nicht-hierarchisch, selbstorganisiert.

  4. Erstellt am 12. Dezember 2010 um 01:16 | Permanent-Link

    Sorry, aber die kriegerische Sprache ist nicht bloß eine Zuschreibung von außen. Der in meinem Post zitierte Tweet von John Perry Barlow (“You are the troops.”) wurde vom WikiLeaks-Account retweeted.

  5. Erstellt am 12. Dezember 2010 um 01:47 | Permanent-Link

    Bin ganz Deiner Meinung. Hab mal etwas ausführlicher versucht auseinander zu nehmen, gerade auch mit Hinblick auf die “OP Payback”, wie die Medien (besonders der Spiegel) die Panikmache schüren:

    http://danielbroeckerhoff.de/2010/12/11/operation-payback-dont-believe-the-hive/

    Hab auch das Spiegel-Cover von morgen eingebunden. Da stehts dann fett in der Headline: Cyberkrieg.

  6. gnu
    Erstellt am 12. Dezember 2010 um 02:53 | Permanent-Link

    @Stefan Bachleitner: wenn man es so sehen will, kann man es so sehen. Ist halt etwas tendenziös – so mancher Nachrichtensender würde “fair & balanced” dazu sagen.

  7. Erstellt am 12. Dezember 2010 um 10:46 | Permanent-Link

    @Daniel: Danke für den Link, gibt einen guten Einblick hinter die Kulissen der vermeintlichen “Kriegsarena” Internet.

    @gnu: Deinen letzten Kommentar verstehe ich nicht.

  8. gnu
    Erstellt am 12. Dezember 2010 um 15:35 | Permanent-Link

    @Stefan Bachleitner: wenn man ein Kollektiv, dass sich ausschließlich über einen gemeinsamen Willen definiert, nach der Aussage eines Einzelnen beurteilt, so muss man bei der Auswahl dieses Einzelnen sehr vorsichtig sein – sonst setzt man sich schnell dem Vorwurf aus, zu manipulieren. Wenn ich zB. auf die Straße gehe und einen Fußgänger zu einem Thema befrage, und dann in meinen Blog schreibe: “Die Fußgänger sagen dies und jenes, und das ist gefährlich und kann und wird gegen Fußgänger verwendet werden”, dann ist das im Bestfall die halbe Wahrheit.

  9. Erstellt am 13. Dezember 2010 um 13:19 | Permanent-Link

    Sorry, aber der Twitter-Account von WikiLeaks ist kein willkürlich ausgewählter “Einzelner” und es gibt unzählige weitere Beispiele. Sehen wir uns doch nur die – durchaus vom “Kollektiv” verwendete – Bezeichnung “Operation Payback” etwas kritischer an. Dieser Titel ist sprachlich eindeutig an militärische Vorbilder (wie Operation Promote Liberty oder Operation Enduring Freedom) angelehnt. Derartige Missionsnamen sind seit dem Koreakrieg typisch für Einsätze des US-Militärs und werden im kollektiven Bewusstsein auch mit militärischen Aktionen verbunden.

Ein Trackback

  1. [...] copy). Sonstige Ressourcen: jetzt.de (Dirk von Gehlen) – Das Alphabet des digitalen Krieges (Säbelrasseln auch in der Sprache der Medienberichterstattung) Twitter-Ticker zur Operation Payback [...]

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