Das Schutzschild

WikiLeaks brauchte etablierte Medien wie Guardian, Spiegel & Co. als redaktionelles und juristisches Schutzschild, um die Cablegate-Dokumente veröffentlichen zu können. Für die Kontrolle staatlicher Gewalt(en) braucht es eben mehr als Informationen und die Technologie zu deren Verbreitung.

In zahlreichen, sehr interessanten Beiträgen (z. B. von Sebastian Range oder Malte Daniljuk) wurde zuletzt kritisch hinterfragt, warum WikiLeaks sich etablierter Medien bedient hat, um die Cablegate-Dokumente zu veröffentlichen.

Es liegt auf der Hand, dass exklusive Medienkooperationen in einem gewissen Widerspruch zur Grundidee von WikiLeaks („Information wants to be free“) stehen. Michel Reimon vermutet in seinem Blog, dass hinter der stückweisen Veröffentlichung der Dokumente eine Strategie der Aufmerksamkeitssteuerung steckt.

In diesem Punkt kann ich ihm nur teilweise zustimmen. Natürlich folgt das Timing der Veröffentlichungen (absatz-)strategischen Überlegungen, doch WikiLeaks hat von dieser Taktik deutlich weniger Nutzen als die beteiligten Medien. Auf Exklusivität beruhende Medienkooperationen sind nämlich nur in wenigen Situationen die beste Strategie, um Ausmaß und Inhalt der Berichterstattung zu beeinflussen. (So ist durchaus auffällig, dass die mit Exklusivinformationen versorgten Medien WikiLeaks durchgängig als Speerspitze der Freiheit betrachten, während ihre leer ausgangenen Mitbewerber in WikiLeaks deutlich öfter eine Bedrohung der Demokratie erkennen wollen.)

Ich bin überzeugt davon, dass WikiLeaks angesichts des vorhandenen Datenmaterials keine Medienexklusivität gebraucht hätte, um für weltweite Aufmerksamkeit zu sorgen. Meines Erachtens steckt ein viel profaneres Problem hinter der Vorgangsweise von WikiLeaks: Personalmangel. Dafür gibt es eine Reihe von Anzeichen.

Der ehemalige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg hat in einem Interview im September diesen Jahres kritisiert, dass WikiLeaks (vor allem nach der Veröffentlichung des „Collateral Murder“-Videos) „extrem schnell gewachsen“ sei, die Organisation – „Strukturen, Entscheidungswege, die Rollen und Verantwortlichkeiten“ – aber nicht an diese Entwicklung angepasst worden sei.

Die Diskrepanz zwischen der internationalen Bekanntheit und der organisatorischen Wirklichkeit von WikiLeaks muss in der Tat gigantisch sein. Laut Angaben von Julian Assange hatte WikiLeaks im Jänner diesen Jahres rund fünf Vollzeitbeschäftigte. Man muss kein Start-up aufgebaut haben, um sich vorstellen zu können, was passiert, wenn eine solche Struktur innerhalb weniger Monate doppelt so bekannt wie Wikipedia wird. Wachstum braucht Zeit und zu rasches Wachstum gehört zu den größten Gefahren jeder Organisation.

Unter diesen Rahmenbedingungen die rund 250.000 Cablegate-Dokumente in einer Form zu sichten, die redaktionellen und juristischen Mindeststandards gerecht wird, ist schlicht unmöglich. Darum brauchte WikiLeaks etablierte Medien als Kooperationspartner. Guardian, Spiegel & Co. sind – vereinfacht gesagt – das organisatorische und rechtliche Schutzschild von WikiLeaks. Ohne diese Medien wären die jüngsten Veröffentlichungen unmöglich gewesen.

Es ist zu früh, um abschätzen zu können, ob WikiLeaks sich damit selbst in Frage gestellt oder seine gesellschaftliche Bedeutung untermauert hat. Eines ist jedenfalls offensichtlich geworden: Für die Kontrolle staatlicher Gewalt(en) braucht es mehr als Informationen und die Technologie zu deren Verbreitung.

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7 Kommentare

  1. Digiom (Jana Herwig)
    Am 6. Dezember 2010 um 12:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Word. Sehe dabei wie Michel keinen Widerspruch zur Aufmerksamkeitshypothese. Exklusive Stories sind die interessanteren, für die beteiligten Medien springt was raus, was die Wahrscheinlichkeit der guten Zusammenarbeit erhöht (man lese nochmal was der Guardian über dieses Datajournalisn Projekt im July schrieb). Ohne die großen Medien wäre vermutlich das, was im Social Web nun passiert – das Hochkochen des Themas – gar nicht passiert. Auch einr Million TwitteruserInnen können die Dokumente nicht wie eine erfahrenes Journalistinnenteam auswerten – dass jeder auch mal eine Datei runter laden darf, festigt nur das Gefuhl des live dabei seins.

  2. Am 6. Dezember 2010 um 15:57 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich halte es für gut möglich, dass WikiLeaks ohne exklusive Medienkooperationen auf lange Sicht sogar mehr (positives) Medienecho erzielt hätte. Ich bin mir allerdings sicher, dass sie derzeit nicht in der Lage gewesen wären, die vielen Dokumente zu screenen und diese Aufgabe daher an die Medienpartner auslagern mussten.

  3. Am 7. Dezember 2010 um 03:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das ist nicht der erste Artikel auf diesem Blog, bei dem ich „Gefällt mir“ gedrückt habe – leider scheint aber das Skript fehlerhaft eingebunden zu sein. Nach dem Drücken steht jedenfalls immer nur rot „Fehler“ neben dem Text des Facebook-Buttons.

    Gut, dann halt so: Gefällt mir! :-)

  4. Am 7. Dezember 2010 um 10:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    @ Hans: Danke fürs Liken und für den Hinweis, was Facebook betrifft. Da hat es irgendwas mit dem Plugin, muss ich mir mal ansehen.

  5. Am 7. Dezember 2010 um 11:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hm, jetzt funktioniert das Liken zwar, aber leider nicht post-spezifisch. Dieses „Like-Button-Plugin-for-Wordpress“ ist mir irgendwie zu umständlich. Kann mir jemand eine Alternative empfehlen?

  6. Am 12. Dezember 2010 um 02:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Du hast halb Recht mit Deinen Vermutungen. Ja, Wikileaks leidet unter krassem Personalmangel, obwohl sich nach dem „Collateral Murder“-Video viele Freiwillige angeboten haben. Diese konnten aber irgendwann nicht mehr koordiniert werden, so dass ihre Arbeitskraft vermutlich nie wirklich genutzt werden konnte.

    Bei den Medienkooperationen wird noch als positives add-on hinzukommen:

    1.) Geld. Die Medienhäusern zahlen vermutlich an Wikileaks.
    2.) Die Garantie, dass auch wirklich veröffentlicht wird. Das „Collateral Murder“-Video ist fast 24h von der internationalen Presse ignoriert worden, da sich die etablierten Medien nicht da ran getraut haben und ihnen die (bis dahin noch relativ unbekannte) Person Assanges suspekt war (das weiß ich von Korrespondenten, die damals auf der PK waren). Den Fehler wollte Assange wahrscheinlich nicht noch einmal machen.
    3.) Durch die Exklusiv-Kooperation mit Medienhäusern schaffst Du eine künstliche Verknappung, erst dadurch wird das Material für andere Journalisten richtig interessant. Die Depeschen sollen mittlerweile auch schon auf dem Schwarzmarkt kursieren. Wikileask veröffentlich ja nur sehr wenig pro Tag…

  7. Am 18. Juni 2013 um 01:04 Uhr veröffentlicht | Permalink

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