Terror in der heilen Weihnachtswelt

Der ORF lässt einen dubiosen „Terrorexperten“ auf dem Wiener Christkindlmarkt vor Anschlägen warnen, Muslime werden dabei live unter Generalverdacht gestellt. Ein Musterbeispiel für Angstmache.

In Deutschland herrscht Angst, Terrorwarnungen dominieren die Schlagzeilen. Zwar ist noch unklar, wie konkret die Gefährdungslage tatsächlich ist, doch so wie sich manche Politiker verhalten, funktioniert Terror sogar ganz ohne Terroristen.

In Österreich lieferte nun ausgerechnet der ORF ein Musterbeispiel dafür, wie sich Ängste schüren und instrumentalisieren lassen: Die gestrige Ausgabe der Nachrichtensendung „Heute in Österreich“ (17.05 Uhr, ORF 2) vom 19. November 2010 stellte die Frage „Terrorgefahr in Österreich?“ und gab darauf eine Antwort, die eher in eine „Tatort“-Folge gepasst hätte als in eine Nachrichtensendung.

Obwohl derzeit keine einzige heimische Behörde von einer höheren Gefährdung in Österreich ausgeht, wird der Beitrag mit folgendem Hinweis eröffnet:

„Gleich mehrere Terrorexperten sprechen auch bei uns von einer erhöhten Gefahr von Anschlägen in größeren Städten.“

Diese „Experten“ kommen dann in dem Beitrag auch ausführlich zu Wort. Dabei handelt es sich u. a. um den dubiosen Geschäftsmann Peter Schoor, der in dem Beitrag als „Terrorexperte und Buchautor“ ausgewiesen wird und folgendes sagen darf:

„Den Terroristen heute ist das egal. Es geht heute darum, möglichst viele Menschen zu töten, zu verletzen, eine psychische Wirkung zu erzielen. Und wenn ich diese Wirkung erreiche, indem ich mir einfache Ziele wie zum Beispiel in Österreich aussuche, dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.“

Schoor, der laut Beschreibung seines Verlags „seit mehr als 30 Jahren im internationalen Umfeld von Polizei, Militär und Politik aktiv“ ist (was immer das heißen mag) und sich beruflich „an der Schnittstelle zwischen Psychologie und Sicherheit“ bewegt (was immer das heißen mag), hat nur ein einziges echtes Buch auf den Markt gebracht. Es ist heuer erschienen und der Titel „Im Auge des Terrors: Wie viel Islam verträgt Europa?“ deutet an, dass Terrorbekämpfung für ihn auch eine religions- und kulturpolitische Dimension hat.

Nach Schoor wird ein gewisser Hans-Ulrich Helfer mit der Untertitelung „Journalist, Zürich“ interviewt, der meint:

„Ich glaube, dass wir – Schweiz und Österreich – nicht glauben sollen, dass wir kein Ziel sind. Das heißt, dass wir genau so achtsam sein müssen wie Deutschland oder England oder Belgien oder Spanien. Das ist die gleiche Bedrohungslage.“

Die bescheidene Bezeichnung „Journalist“ wird Helfer eigentlich nicht gerecht. Der ehemalige Staatsschützer der Stadt Zürich betreibt ein Unternehmen zur Beschaffung und Auswertung von Informationen (was immer das heißen mag), macht als Präsident der „Informationsgruppe Pro-Kampfflugzeuge“ Stimmung für die Anschaffung von schwerem Kriegsgerät und ist stolz darauf, bei den Schweizer Big Brother Awards im Jahr 2003 für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden zu sein.

In Kooperation mit dem ORF gelingt es den beiden, entgegen aller behördlichen Erkenntnisse ein Gefühl erhöhter Bedrohung zu vermitteln. Mangels konkreter Fakten wurde das Gefährdungspotenzial in Österreich durch einen spektakulären Test belegt. Mit versteckter Kamera filmte der ORF, was in Wien mit einem unbeaufsichtigten Rucksack – „groß genug für einen Sprengsatz“ – passiert, der vor dem Stephansdom abgestellt oder in der U-Bahn vergessen wird. Vor zwanzig Jahren hätte man mit einem solchen Test noch bewiesen, dass Wien eine der sichersten Großstädte der Welt ist, denn obwohl niemand darauf aufgepasst hat, wurde die Tasche nicht geklaut.

Der absolute Höhepunkt des Beitrags ist dann aber ein dramatischer Live-Einstieg in die „schöne heile Weihnachtswelt am Christkindlmarkt in Wien“, wo Peter Schoor seine antiislamische Weltsicht ausbreiten darf. Der Beginn des Interviews sei nachfolgend komplett wiedergegeben:

Katharina Kramer: „Herr Schoor, die Behörden haben keine Hinweise auf Terroranschläge in Österreich. Warum glauben Sie trotzdem an eine Terrorgefahr?“

Peter Schoor: „Nun, wir haben in Österreich 586.000 Muslime. Davon sind etwa 70.000 bereit, die Einführung einer Scharia nach europäischem (sic!) Vorbild einzuführen. Was mir Sorge macht ist die Dunkelziffer, weil es ist völlig unbekannt, wie viele davon auch wirklich bereit sind, das mit Gewalt umzusetzen.“

Schoor hatte sich wohl schon einen Glühwein genehmigt, sonst wäre ihm der Versprecher mit der Scharia nach „europäischen Vorbild“ wohl nicht passiert. Die Botschaft ist aber auch so angekommen: Weihnachten, Christkindlmarkt und Stephansdom werden von abertausenden Muslimen gefährdet. In meinen Augen ist dieser Beitrag meilenweit von den Programmrichtlinien des ORF entfernt, laut denen sich ORF-Angebote „um Integration, Gleichbereichtigung und Verständigung zu bemühen“ haben.

P. S.: In abgewandelter Form, allerdings ohne Live-Einstieg, wurde dieser Beitrag auch in der ZIB 1 und der ZIB 2 veröffentlicht.

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8 Kommentare

  1. Am 20. November 2010 um 20:43 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich halte es für fragwürdig, Nachrichtensendung im Bezug auf „Heute in Österreich“ nicht unter „“ zu setzten… :-)

  2. Am 21. November 2010 um 15:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    jaja, die „terrorexperten“. wie problematisch diese experten sein können, zeigt das beispiel udo ulfkotte, den eine zeitlang ein haufen medien interviewt haben, bis dann irgendwann mal nicht mehr zu übersehen war, dass er müll redet – so richtig klar wurde es, als er den verein pax europa gründete. von dem hat er sich zwar inzwischen getrennt und wirft ihm u.a. rassismus vor, doch unter seiner ägide war der verein auch nicht grad harmlos:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Ulfkotte

    man darf halt nicht nur zum thema recherchieren, sondern auch über die experten recherchen anstellen. expertise und zeit – dinge, die in den medien immer mehr fehlen, und das ist leider ziemlich problematisch.

    was ich bei der ganzen diskussion aber fast schon unfassbar find: der deutsche innenminister de maiziere sagte auf die frage, ob deutsche sicherheitsbehörden involviert waren in die platzierung der bombenatrappe involviert waren: das wisse er nicht, das sei nun gegenstand von ermittlungen. für mein empfinden ist das eine etwas zu lakonische reaktion.

  3. Am 22. November 2010 um 15:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Falls die TvTek dann mal wieder nach einer Woche schließt, findet man das Video auch hier http://www.youtube.com/watch?v=nKdUEXxMhG0

    und danke für deinen blog

  4. Am 22. November 2010 um 17:00 Uhr veröffentlicht | Permalink

    @ Daniel: Super, vielen Dank. Ich habe gleich ein kleines Update vorgenommen und das Video in den Beitrag eingebaut.

  5. Am 22. November 2010 um 17:07 Uhr veröffentlicht | Permalink

    @ Sonja: Die Panikmache wird bald schlimmere Folgen als jeder terroristische Anschlag. Es gibt dazu einen aktuellen Kommentar von Ranga Yogeshwar, in dessen Sendung auch dieser sehr interessante Beitrag ausgestrahlt wurde.

    @ Thomas: Da sind mir scheinbar die Anführungszeichen ausgegangen ;-).

  6. Stefan Stamm
    Am 2. März 2011 um 21:52 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Der Herr Schoor ist – nebst all der Panikmache (siehe oben) – ein dubioser Betrüger, der regelmässig unter taucht, um seine Schulden nicht zahlen zu müssen. Er gehörte ins Gefängnis – da muss er dann auch keine Angst mehr haben vor Terroristen…

  7. H. Meier
    Am 31. Mai 2011 um 13:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Liebe Kommentatoren…

    Ich bin auf diesen Thread gestossen, als ich „peter schoor betrug“ gegoogelt habe. Dieser Mensch hat in meinem persönlichen Umfeld sehr großen Schaden angerichtet und für Scherben gesorgt, die selbst nach Jahren noch nicht ganz zusammengefegt sind…

    Gerüchteweise ist zu mir durchgedrungen, er sei wegen Betrugs und Landfriedensbruch in Wien verhaftet worden, allerdings muss das meiner Erinnerung nach vor dem Weihnachtsmarktbeitrag des ORF gewesen sein!! Vermutlich eine weitere Lüge, um vor seiner Verantwortung und seinen Schulden davonzulaufen!

    Weiss jemand etwas zum Aufenthaltsort dieses Kriminellen?

  8. M.
    Am 29. März 2012 um 17:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schoor betrügt weiter. Wer mag kann sich unter searchpeter@gmx.ch melden.

Ein Trackback

  • Von „Eine islamfeindliche Tendenz wurde nicht erkannt“ am 31. März 2011 um 17:13 Uhr veröffentlicht

    […] erhalten. Knapp vier Monate ist es her, dass ich mich über einen am 19. November ausgestrahlten ORF-Beitrag beschwert habe und hätte ich nicht am 13. März mal nachgefragt, würde ich wahrscheinlich heute […]

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