Bildung: Opium für das Volk?

Die Journalistin Ulrike Herrmann vertritt die Meinung, dass wir uns leichter ausbeuten lassen, weil wir so gut gebildet sind. Diese These kaufe ich ihr nicht ab, ihr neues Buch hingegen schon.

Warum sich die Mittelschicht eher mit den Reichen als mit den Armen solidarisiert, hat Rosa Winkler-Hermaden in einem heute veröffentlichten derstandard.at-Interview mit der taz-Journalistin und Buchautorin Ulrike Herrmann ergründet. In diesem (absolut lesenswerten) Interview bin ich über folgende Aussage gestolpert:

Herrmann: Die meisten Leute haben einen Aufstieg erlebt. Vor allem einen Bildungsaufstieg. In Deutschland haben ungefähr 50 Prozent eine bessere Berufsausbildung als die Eltern. Dies führt dann zu der Idee, man sei in der Elite angekommen. Der Bildungsaufstieg wird mit einem ökonomischen Aufstieg verwechselt. Doch das ist nicht das Gleiche. Das erstaunliche Phänomen ist ja, dass wir eine Gesellschaft haben, die so gut ausgebildet ist wie noch nie. Das gilt auch für Österreich. Trotzdem stagnieren die Reallöhne und die Lohnquote sinkt. Aber die Arbeitnehmer sind so stolz auf ihren eigenen Bildungsabschluss, dass sie nicht bemerken, dass sich ihre Ausbildung nicht in ihrem Einkommen umsetzt.

Kann das sein? Zugegeben, im titelgeilen Österreich mag ein „Mag.“ auf dem Türschild vereinzelt dazu beitragen, die Enge der dahinter liegenden Wohnung etwas erträglicher zu machen. Ein paar Semester Geisteswissenschaften versetzen zudem in die Lage, auch ohne einen neuen Porsche Carrera GTS ein gewisses Maß an Zufriedenheit zu wahren. Doch kann der Stolz über eine abgeschlossene höhere Ausbildung so verblenden, dass man glaubt, in der Elite angekommen zu sein, obwohl Kontostand und Co. eine andere Sprache sprechen? Das kaufe ich Frau Hermann nicht ab.

In meinen Augen entsteht die Entsolidarisierung viel eher durch die Angst vor dem sozialen Abstieg, durch die Unsicherheit angesichts der wachsenden Verbreitung prekärer Arbeitsverhältnisse und das drückende Gefühl, sich in einem individuellen Konkurrenzkampf täglich neu behaupten zu müssen.

Diese Entwicklung steht in keinem Widerspruch zu der von Hermann angesprochenen Bildungsexpansion, im Gegenteil. Diese trägt nämlich dazu bei, dass Bildungsabschlüsse zwar immer wichtiger werden, um auf dem Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance zu bekommen, aber ein abgeschlossenes Studium heute weniger denn je einen guten Job garantiert.

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