Gute Freunde sagen sich die Wahrheit

Die künstliche Aufregung über das Klartext-Interview des türkischen Botschafters Kadri Ecvet Tezcan in der Tageszeitung „Die Presse“ ist verlogen und lächerlich. Einen besseren Beitrag zu den österreichisch-türkischen Beziehungen hat es schon lange nicht mehr gegeben.

Tezcan-Interview in "Die Presse"

Gute Freunde, so habe ich es gelernt, sollten sich immer die Wahrheit sagen. Kadri Ecvet Tezcan hat das getan und dabei seinen Finger auf einen wunden Punkt gelegt: Das österreichische Verständnis von „Integration“.

Vor allem Menschen mit türkischem Migrationshintergrund werden hierzulande gerne als „integrationsunwillige“ Problemgruppe dargestellt, die selbst daran schuld ist, wenn sich ihre soziale Lage nicht verbessert und sie auf Ablehnung stößt. Doch Integration ist keine einseitige Angelegenheit, sondern erfordert Anstrengungen auf beiden Seiten. Und Tezcan fordert dieses Bemühen auch von beiden Seiten ein.

Er verzichtet dabei auch mal auf diplomatische Floskeln, um sicher sein zu können, dass seine Botschaft gehört wird: Österreich muss endlich seine Verantwortung für die hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund wahrnehmen. Mir fällt kein zweiter Satz ein, der die Logik – und das Dilemma – der heimischen Integrationspolitik bislang besser auf den Punkt gebracht hätte, als die präzise Analyse des türkischen Botschafters:

„Wenn man dem Innenministerium ein Problem gibt, wird dabei eine Polizeilösung rauskommen.“

Als moderner, kultivierter Mensch weiß Tezcan, dass es nicht Polizist/inn/en braucht, um die bestehenden Probleme in den Griff zu bekommen, sondern Kindergärtner/innen und Lehrer/innen. Deshalb widmet er auch einen wesentlichen Teil seines Interviews bildungspolitischen Überlegungen. Denn in diesem Bereich sind die Versäumnisse der österreichischen Integrationspolitik unübersehbar.

Wäre es eine andere Bevölkerungsgruppe als jene mit türkischem Migrationshintergrund, in der mit Abstand die meisten Menschen außer einem Pflichtschulabschluß keine weitere Ausbildung vorweisen können, dann würde das als dramatisches Versagen unseres Bildungssystems betrachtet werden. Die verantwortlichen Politiker/innen würden dafür massiv kritisiert werden und es gäbe intensive Anstrengungen, um diese Situation zu verbessern. Das hier nicht mehr geschieht, ist ein Beleg dafür, dass Österreich nicht ausreichend darum bemüht ist, Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zu integrieren.

Um das zu ändern, brauchen diese Menschen eine Stimme. Leute wie Kadri Ecvet Tezcan, die das Thema „Integration“ auch von einer anderen Seite beleuchten und die Diskussion nicht scheuen. Statt lächerliche Abwehrreflexe zu mobilisieren, sollte Österreich den Ball aufgreifen und den Dialog mit solchen Kräften intensivieren. Sowohl für die Entwicklung unseres Landes als auch für die guten Beziehungen zur Türkei kann das nur förderlich sein.

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3 Kommentare

  1. Am 10. November 2010 um 14:24 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Sehr treffende Analyse der Vorgänge.

    Viele Österreicher verwechseln offensichtlich „Integration“ mit „Assimilation“. Nach dem Motto: ein „guter Ausländer“ ist einer, den man von einem „echten“ Österreicher nicht unterscheiden kann.

    Diese Einstellung hängt auch aus meiner Sicht zu einem großen Teil mit der Bildung der Menschen zusammen: unserer veraltetes Bildungssystem bereitet einen Großteil der Menschen nicht auf die geänderten Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft vor – Multikulturalität ist nämlich kein Schreckgespenst, sondern längst Realität. Trotzdem werden Kinder heute im Wesentlichen nach wie vor wie in den 70ern erzogen, als „Fremde“ nur vereinzelt nach Österreich zuwanderten.

    Was die Kritik von Tezcan betrifft, so kann ich sie in weiten Bereichen teilen – über das Kopftuch darf aber dennoch diskutiert werden. Jedenfalls hat er mit seiner heftigen Kritik an Ministerin Fekter mehr als Recht. Die besonders intensive Gegenwehr aus den Reihen der ÖVP lässt auch vermuten, dass er damit einen wunden Punkt in dieser Partei getroffen hat.

    Allerdings muss gesagt werden, dass so deutliche Kritik in Diplomatenkreisen eher unüblich ist – leider.

  2. Am 29. November 2010 um 16:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Anlässlich der aktuellen Wikileaks Veröffentlichungen zeigt sich einmal mehr wie Botschaften und Diplomaten anscheinend miteinander sprechen: „Diplomaten haben privat schon immer unhöfliche Dinge über einander gesagt“, so der ehemalige britische Botschafter der USA. Das klingt nach gepflegter Nichtkommunikation – einander mühsam die ehrliche Meinung zu verschweigen und als Ventil erzwungener Scheinhöflichkeit im Nachhinein zu lästern.

    Anstatt sich um stärkere Sicherheitsmaßnahmen von digitalen Daten zu kümmern, sollte man den Begriff Diplomatie überdenken, und sich fragen, ob es diplomatischer ist offen und ehrlich miteinander zu reden.

  3. Am 29. November 2010 um 17:01 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Da ist etwas dran. Angesichts der jüngsten Veröffentlichungen sind die Aussagen des türkischen Botschafters eigentlich in einem neuen Licht zu betrachten.

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