Hey, wo sind die NichtwählerInnen hin?

Haben Sie auch irgendwo gelesen, dass es in Wien immer mehr NichtwählerInnen gibt? Falls ja, sollten Sie als Gegenmittel den folgenden Text zu sich nehmen.

Ich wollte dieses Wochenende einen Kommentar zu den Wiener Gemeinderatswahlen schreiben und mich dabei auch mit dem Problem der NichtwählerInnen befassen. Schließlich konnte ich mich noch gut an die Grafik von Daniel Imrich erinnern, mit der das stetige Wachstum der „Partei der NichtwählerInnen“ in Wien anschaulich dargestellt wurde. Sein Blogeintrag über „Das eigentliche Ergebnis der Wiener Gemeinderatswahlen“ hat auf Twitter ordentlich die Runde gemacht.

Beim Vergleich der Wahlergebnisse der Gemeinderatswahlen musste ich allerdings feststellen, dass die Zahlen das weit verbreitete Vorurteil vom unaufhaltsamen Vormarsch der NichtwählerInnen überhaupt nicht bestätigen.

Tatsache ist vielmehr: Die Wahlbeteiligung ist am 10. Oktober deutlich gestiegen – um rund 7 %. Wie die nachfolgende Grafik außerdem zeigt, war die „Partei der NichtwählerInnen“ bei fast jeder Wiener Gemeinderatswahl seit 1991 größer als in diesem Jahr. Nur 1996, als das Liberale Forum mit 7,95 % den Einzug in den Gemeinderat geschafft hatte, gab es einen niedrigeren Anteil an NichtwählerInnen.

Ergebnisse der Wiener Gemeinderatswahlen von 1991–2010

Des Rätsels Lösung ist einfach: In der kurz nach der Wahl von Daniel Imrich veröffentlichten Grafik waren die Wahlkarten noch nicht berücksichtigt (inzwischen hat er in seinem Blog auf diesen Umstand hingewiesen).

Dieser Irrtum wäre ihm wahrscheinlich nicht unterlaufen (und wohl auch nicht so stark verbreitet worden), wenn die gestiegene Wahlbeteiligung in den Medien eine größere Rolle gespielt hätte. Doch auch hier war eher das Gegenteil der Fall, so stand z. B. im Leadtext eines kurz nach der Wahl erschienen „Kurier“-Artikels, dass die Wahlbeteiligung „dem schönen Wetter entsprechend gering“ gewesen sei. Ähnliches war auch in vielen anderen Medien zu lesen. Einen wesentlichen Anteil an dieser Wahrnehmung hatte das Rathaus, indem es am Wahltag entsprechende Aussendungen zur Wahlbeteiligung veröffentlichte, die über eine niedrigere Wahlbeteiligung berichteten (der darin enthaltene Hinweis auf die Briefwahl wurde wohl mehrheitlich überlesen).

Erst mit der Auszählung der Wahlkarten sickerte die gestiegene Wahlbeteiligung langsam in die Medienberichterstattung ein, doch da waren die Wiener Wahlergebnisse schon von den Seitenaufmachern in die Kurzmeldungen gewandert. (Auch andere bemerkenswerte Details, wie z. B. der Umstand, dass die SPÖ in diesem Jahr um 1.146 Stimmen mehr erhalten hat als 2005, standen erst lange nach der Wahl fest und waren für die Medien daher uninteressant.)

Festzuhalten ist: Die „Partei der NichtwählerInnen“ ist in Wien nicht auf dem Vormarsch. Näher zu untersuchen wäre dabei der Zusammenhang zwischen dem Abschneiden der Freiheitlichen und dem NichtwählerInnen-Anteil. Die obige Grafik legt z. B. den Schluss nahe, dass es den Freiheitlichen am besten gelingt, Stimmen aus dem Pool der NichtwählerInnen zu fischen. Vielleicht ist es aber auch genau umgekehrt und FPÖ-WählerInnen neigen aufgrund einer schwächeren Parteibindung und größeren Politikverdrossenheit eher dazu, sich nicht an Wahlen zu beteiligen. Zumindest bei den Gemeinderatswahlen 2001 und 2005 (also in Zeiten der schwarz-blauen Bundesregierung) dürfte das der Fall gewesen sein.

Dieser Beitrag wurde in Wahlen, Wien veröffentlicht. Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

7 Kommentare

  1. Am 27. Oktober 2010 um 15:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Um ehrlich zu sein: ich hatte am Tag der Wahl einfach unterschätzt, wie viele Stimmen der Briefwähler noch ausständig waren. Die korrigierte Grafik hab ich schon und werde sie wohl heute abend posten. Eigentlich war meine Intention die, zu zeigen, dass eben nicht jeder vierte Wiener eine rechtsrechte Partei gewählt hat.

  2. Am 27. Oktober 2010 um 15:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die Zahl der Wahlkarten habe ich auch unterschätzt (obwohl ich selber per Briefwahl gewählt habe ;-). Es gab auch noch nie bei einer Wahl in Wien so viele Wahlkarten.

  3. Am 27. Oktober 2010 um 19:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nein, nein, nein, aus dieser Grafik kann und darf man nicht auf Wählerströme schließen! Solange es ein Wahlgeheimnis gibt, ist das nämlich nicht möglich und daher unseriös. Wählerströme kann man nur durch Befragung der Wähler erfassen. Und das nicht sehr genau…

    Ansonsten gute Analyse, an den Kommentaren zur niedrigen Wahlbeteiligung sieht man wieder schön, dass genaues Denken und Wahlberichterstattung nicht wirklich zusammen gehören… leider. :-)

  4. Am 27. Oktober 2010 um 20:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Stimmt, da habe ich mich unpräzise ausgedrückt: Die Grafik legt nicht den Schluss, sondern die Vermutung nahe, dass FPÖ-Stimmen und NichtwählerInnen-Anteil etwas miteinander zu tun haben könnten. Überprüfen lässt sich diese These natürlich nicht so einfach. P. S.: Die in Österreich derzeit am häufigsten zitierten Wählerstromanalysen vom Institut SORA basieren nicht auf Befragungen, sondern auf multiplen Regressionen von Aggregatdaten (was auch immer das ist). Siehe http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/waehlerstromanalysen.html

  5. Am 29. Oktober 2010 um 02:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wählerstromanalysen sind so eine Sache. Ich frage mich, ob es nicht noch weitere Faktoren gibt, die berücksichtigt werden müssen. Beispielsweise ist Wiens Bevölkerung seit der letzten Wahl um ca. 4% gewachsen, die Zahl der Wahlberechtigten aber nur um 0,2%. Wie gehen die paar % der Leute in die Wählerstromanalyse ein, die früher in einem anderen Bundesland gewohnt haben? Die Auswirkungen der Einführung des Wahlrechts ab 16 sind auch nicht wirklich besprochen worden, obwohl sie seit der letzten Wien-Wahl stattgefunden hat (betrifft Daumen mal Pi zwei bis drei Prozent der Wahlberechtigten).

  6. Am 29. Oktober 2010 um 15:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Noch eine kleine Anregung für das Blog: Es wäre praktisch, wenn man die Möglichkeit hätte, sich per E-Mail über neue Kommentare benachrichtigen zu lassen.

  7. Am 29. Oktober 2010 um 15:55 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke für den Hinweis. Das fände ich auch gut, aber ich habe bei meinen Einstellungen keine Möglichkeit gefunden, sowas einzurichten. Habe ich da was übersehen oder brauche ich dafür ein Plugin? Hast du irgendwelche Tipps dafür?

Ein Trackback

  • Von Einladung zur Podiumsdiskussion am 13. Dezember 2010 um 13:20 Uhr veröffentlicht

    […] Blogeintrag über die Beteiligung an den vergangenen Wahlen in Wien wurde scheinbar öfter gelesen, als ich gedacht habe. Nun bin ich zu einer Podiumsdiskussion im […]

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*
*