Der Koralmtunnelblick

Der Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler ist für seine geschmacklosen Witze über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Mir scheint, zu Unrecht, denn der gute Mann hat dazu gelernt: Manche Pointen platziert Dörfler schon so subtil, dass die feine Ironie dahinter fast nicht zu erkennen ist.

Nehmen wir zum Beispiel seine gestern veröffentlichte Presseaussendung zur Verschiebung der Fertigstellung des Koralmtunnels um zwei Jahre. Darin Dörfler wörtlich:

„Ich hoffe, dass diese Verschiebung in keiner Weise zu Irritationen in Brüssel führt, denn wir haben durch unsere Lobbyingarbeit im Rahmen des Projektes BATCo (Baltic-Adriatic Transport Cooperation) in den letzten Monaten […] sehr positive Signale bezüglich einer Aufnahme der Koralmbahn in das prioritäre europäische Bahnnetz bekommen. Dies würde auch eine Mitfinanzierung aus Brüssel in der Höhe von mehreren Millionen Euro bedeuten […].“

Was für ein feiner Humor. Beim ersten Durchlesen bemerkt man fast nicht, wie geschickt Dörfler darauf hinweist, dass die Koralmbahn (im Gegensatz zum Brennerbasistunnel, der auf der Eisenbahnachse Berlin–Palermo liegt) nicht zum prioritären europäischen Bahnnetz gehört. Die „Baltisch-Adriatische Verkehrsachse“ von Danzig bis Bologna, mit der die Befürworter des Koralmtunnels gebetsmühlenartig die Notwendigkeit dieses Projekts begründen, wurde also gemeinerweise von der Europäischen Union noch gar nicht wahrgenommen. Böse, böse EU.

Natürlich ist es keine Neuigkeit, dass diese Verkehrsachse eine Fiktion ist. Neu ist jedoch, dass der Kärntner Landeshauptmann diese Tatsache nun offiziell bestätigt hat. Vielleicht hat er den Kommentar von Josef Urschitz in „Die Presse“ gelesen, der darauf hinwies, dass man zweimal Umsteigen muss und mindestens sechs Stunden unterwegs ist, wenn man mit der Bahn von Villach ins 129 Kilometer entfernte Udine fahren möchte. (Ich wollte das mit der Fahrplanauskunft auf oebb.at überprüfen, dort wird für die Strecke Villach-Udine aber bezeichnenderweise nur eine Busverbindung angeboten.)

Nur gut, dass es in der Europäischen Union schon seit langer Zeit eine starke Lobby für die „Baltisch-Adriatische Verkehrsachse“ gibt. Das in der Presseaussendung von Dörfler zitierte Projekt „BATCo“ wurde immerhin schon am 16. April diesen Jahres mit einem Kickoff-Meeting in Klagenfurt gestartet. Die Nachbeben davon dürften Brüssel erschüttert haben. Initiiert und geleitet wird diese – wohl im wahrsten Sinne des Wortes „bahnbrechende“ – Initiative von der mit komplexen Lobbyingaufgaben in den EU-Strukturen wahrscheinlich bestens vertraute Abteilung 7 des Landes Kärnten. Und sollte der ganze Aufwand für die Katz‘ gewesen sein, macht es auch nichts, denn Dörflers Presseaussendung deutet ja schon an, dass dann die Bundesregierung und deren Bauverschiebung schuld an den versemmelten EU-Millionen gewesen sein werden.

Als Steuerzahler bleibe ich mit der Frage zurück, ob es nicht viel logischer gewesen wäre, die Reihenfolge umzudrehen und mit der Bauentscheidung zu warten, bis entsprechende EU-Mittel sichergestellt sind. Schließlich ist der Koralmtunnel eines der teuersten Bauprojekte der Republik. Nach im „Kurier“ veröffentlichten Expertenmeinungen wird das Herzstück der neuen Verbindung Graz–Villach die Republik rund 10 Milliarden Euro kosten – inklusive Finanzierungskosten und Abdeckung der vorhersehbaren Betriebsverluste. Doch selbst wenn diese Schätzungen zu hoch gegriffen sein sollten, sind die offiziell bestätigten Baukosten von 5,2 Milliarden Euro für den 32,9 km langen Tunnel sehr viel Geld.

So viel Geld, dass sich angesichts der Budgetkonsolidierung (die übrigens auch deshalb unumgänglich ist, weil Kärnten mit einer wahnwitzigen Haftung über 18 Milliarden Euro die Republik Österreich dazu genötigt hat, eine marode Bank zu übernehmen) der Spaß aufhört. Auch wenn Dörflers Presseaussendungen immer lustiger werden.

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Ein Trackback

  • Von Ich möchte nicht am 9. November 2010 um 19:59 Uhr veröffentlicht

    […] reichsten Österreicher/innen* schlummert. Das sind knapp 0,5 % der (offiziellen) Baukosten des Koralmtunnels. Rund ein Drittel dieses Betrags haben diverse Freunde von Karl-Heinz Grasser bei der […]

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