Können die NEOS genug WählerInnen ansprechen, um eine realistische Chance zu haben, in den Nationalrat einzuziehen? In einem immer volatileren WählerInnenmarkt ist das durchaus möglich. Eine Analyse.
In den letzten Wochen bin ich mehrfach gefragt worden, wie ich die Chancen der NEOS einschätze, diesen Herbst in den Nationalrat einzuziehen. Dieses Interesse hat mich dazu bewogen, mich ein wenig genauer mit dem Ergebnis der Nationalratswahl 2008 zu beschäftigen. Denn abseits aller Meinungsumfragen zeigen diese Zahlen, wo die Neos punkten müssen, um im September einen Überraschungserfolg zu landen.
Die Hürde: Rund 250.000 Stimmen
Bei der Nationalratwahl 2008 wurden 4.990.952 Stimmen abgegeben – etwa gleich viele wie 2002 (4.982.261 abgegebene Stimmen). Vier Prozent davon wären 200.000 Stimmen, aber rechnen wir – auch aufgrund der stetig wachsenden Population [Nachtrag: und einer möglicherweise steigenden Wahlbeteiligung] – mit einem gewissen Sicherheitspolster und legen als Hürde für den Einzug in den Nationalrat 250.000 Stimmen an (das wären etwa 5 % der abgegebenen Stimmen 2008). Bei den vergangenen drei Nationalratwahlen wäre eine Fraktion mit diesem Ergebnis in den Nationalrat eingezogen. Woher könnten diese 250.000 Stimmen für die NEOS kommen?
Die Basis: Rund 80 % der LIF-WählerInnen 2008
Die NEOS treten als Wahlbündnis gemeinsam mit dem Liberalen Forum an. Das ist – selten war diese Floskel so zutreffend – die halbe Miete. Immerhin 102.249 WählerInnen entschieden sich 2008 für das LIF – trotz äußerst bescheidener Aussichten, nach der Nicht-Kandidatur 2006 die Vier-Prozent-Hürde zu knacken. Dieses Potenzial kann also getrost als die Gruppe der liberalen KernwählerInnen bezeichnet werden. Vielleicht können sich nicht alle davon mit der gemeinsamen Wahlplattform identifizieren, andererseits müsste die Aussicht auf den Wiedereinzug einer liberalen Partei auch mobilisierende Effekte haben.
Die erste Kernfrage lautet also: Gelingt es dem Liberalen Forum, seine KernwählerInnen von diesem Wahlbündnis zu überzeugen? Nehmen wir einmal an, es gelingt. Würden 80 % der LIF-WählerInnen aus dem Jahr 2008 die NEOS wählen, wären das rund 82.000 Stimmen.
Der interessante Punkt daran: Diese Mobilisierung würde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden, da die LIF-KernwählerInnen – wie schon 2008 – kaum von der öffentlichen Stimmung abhängig sind und über Methoden der Direktkommunikation verhältnismäßig einfach abgeholt werden können. Aus eigener Erfahrung kann ich nur betonen: Die Bedeutung bestehender Strukturen, Adressverteiler und Co. sollte in Wahlkampagnen jedenfalls nicht unterschätzt werden.
Die Herausforderung: Rund 10 % der ÖVP-WählerInnen
Die Schlüsselfrage für die NEOS wird sein, ob es ihnen gelingt, ÖVP-WählerInnen anzusprechen. Die Tatsache, dass sich in den Reihen der neuen Partei einige ehemalige MitarbeiterInnen – und damit ausgewiesene KennerInnen – der Volkspartei befinden, dürfte da kein Nachteil sein. Sie wissen um die Unzufriedenheit in den Reihen der ÖVP, die der stellvertretende Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, Andreas Koller, in einem aktuellen Kommentar beim Namen nennt:
„Je enger die ÖVP ihre geistigen Kreise zieht, und je mehr ideologischen Ballast sie mitschleppt, desto mehr Platz gibt es für NEOS und sonstige ,neue Bürgerliche‘.“
Koller listet einige Gründe auf, die gegen eine bloße Kurzfristexistenz der NEOS sprechen. Tatsache ist: Die neue Partei vertritt Positionen, die für einige Kerngruppen der ÖVP – insbesondere für liberalere Wirtschaftstreibende – absolut attraktiv sind. Hinzu kommt, dass sie sich glaubwürdig von den Korruptionsaffären der schwarz-blauen Ära absetzen können. Wirtschaftsfreundlich, aber unverbraucht und glaubwürdig gegen Filz und Korruption – das könnte in diesen Reihen durchaus ziehen. Die Tatsache, dass der Salzburger ÖVP-Hotelier Sepp Schellhorn für die NEOS kandidiert, kann als Indiz dafür gewertet werden.
Nehmen wir also einmal an, zehn von hundert ÖVP-WählerInnen bei der Nationalratswahl 2008 würden sich aufgrund dieser Positionierung für die NEOS entscheiden – dann würde die neue Partei weitere 127.000 WählerInnen lukrieren. Auch wenn das nach einem ordentlichen Brocken klingt, wäre eine solche Wanderung von WählerInnen für die ÖVP keineswegs undenkbar – von 2006 auf 2008 hat sie immerhin rund 347.000 Stimmen verloren, davon 152.000 an das BZÖ.
Hinzu kommt: Laut Wählerstromanalysen hat die ÖVP bei der Nationalratwahl 2008 etwa 116.000 Stimmen an die Gruppe der NichtwählerInnen abgegeben. Solche Stimmen sind oft „geparkt“, das heißt, die WählerInnen haben eine Präferenz für eine Partei, sind aber so unzufrieden mit ihr, dass sie am Wahltag zuhause bleiben. Können die NEOS als „neues Angebot auf dem Markt“ auch noch zehn Prozent dieses Potenzials abholen, hätten sie rd. 12.000 Stimmen zusätzlich.
Die Mitnahme-Effekte: Rund 1 % der Rot-, Grün- und Nicht-WählerInnen
Bleiben noch die Mitnahme-Effekte, auf die eine junge Partei zählen kann, wenn es ihr gelingt, ein gewisses Maß an Bekanntheit und Momentum zu entwickeln. Mit Ihrem konsequenten demokratischen Anspruch (das überaus durchdachte Vorwahl-System der NEOS eignet sich durchaus als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Parteien) und ihrem starken Hang zu Bildungsthemen ist die junge Partei – mit Abstrichen, aber doch – auch ein Angebot für (wirtschaftsaffinere) SPÖ- und Grün-WählerInnen sowie für aktivierbare Nicht-WählerInnen (die z. B. den Piraten hierzulande wenig Chancen einräumen). Der Umstand, dass vier Vertreter der Grünen Wirtschaft zu den NEOS übergelaufen sind, belegt das Potenzial der neuen Partei in diesem Segment.
Werden die NEOS bekannt genug, wäre es durchaus realistisch anzunehmen, dass sie ein Prozent der Rot- und Grün-WählerInnen sowie jener Nicht-WählerInnen, die nicht aus dem ÖVP-Lager kommen, gewinnen können. Dies würde weiteren rd. 31.000 Stimmen entsprechen.
Macht zusammen: 252.000 Stimmen
252.000 Stimmen, die notwendige Menge für einen sicheren Einzug in den Nationalrat, sind für die NEOS also keineswegs unerreichbar. Und das, obwohl ihnen in dieser Berechnung noch keine einzige Stimme aus der (eher unberechenbaren) Gruppe der BZÖ-WählerInnen zugerechnet wurde. Die nicht gerade von der Gunst der Stunde gesegneten Orangen konnten 2008 immerhin 522.933 Stimmen auf sich vereinen. Wenn die NEOS bloß fünf von hundert BZÖ-WählerInnen ansprechen könnten, kämen sie auf weitere 26.000 Stimmen.
Mein klares Fazit: Das Potenzial für die NEOS ist da – was aber noch lange nicht heißt, dass sie es leicht haben werden, dieses Potenzial auch abzuholen. Ihre größte Hürde wird sein, bis zur Wahl die notwendige Bekanntheit aufzubauen, um auf die gedankliche „Shortlist“ von genug WählerInnen zu kommen. Die Chance dafür war für eine junge Partei in der Geschichte der Zweiten Republik aber noch nie so gut wie in diesem Jahr.



